Friedrichshain: Ein Jahr “Mittagessen im Hof” bei der Berliner Stadtmission

Zusammen isst man weniger allein: Seit genau einem Jahr kommen immer mittwochs ab 12 Uhr einsame Menschen im Innenhof der Frankfurter Allee 96  zusammen und finden neben leckerem Essen ein Stück Gemeinsamkeit in der Gemeinde der Berliner Stadtmission.

Gerhard hat sein Leben lang gearbeitet. Viele Jahre als Soldat im US-Wachregiment in Zehlendorf, später als selbstständiger Klempner überall in Berlin. Doch weil er lange Zeit nicht in die Versicherung einzahlte, fiel die Rente fürs Altenteil sehr schmal aus. “437 Euro bekomme ich monatlich. Das Amt würde noch zusätzlich Miete bis zu 550 Euro dazu schießen. Mit diesem Einkommen ist es aber ganz schwer eine Wohnung in Berlin zu bekommen”, erläutert der 71-jährige, der zu Corona-Zeiten in einer recht komplizierten Geschichte seine Wohnung in Neukölln verlor.

In der Traglufthalle “Halle lujah” am Friedrichshainer Containerbahnhof überwinterte Gerhard mit anderen obdachlosen Menschen, ehe er über eine Verteilaktion Kontakt zur Berliner Stadtmission bekam. “Ich habe bei der Verteilung von Lunchpaketen geholfen, die die Gemeinde den Obdachlosen am Containerbahnhof zukommen ließ”, erzählt Gerhard. Später dann besuchte er immer öfter die Gemeinde der Stadtmission im zweiten Hinterhof an der Frankfurter Allee. “Ich habe angefangen, dort direkt zu helfen. Bei Bastel- und Kochaktionen”, erklärt Gerhard, der von der Gemeinde nun ein Zimmer in einem Mariendorfer Übergangsheim vermittelt bekam.      

Gerhard war obdachlos und hilft jetzt bei den Aktionen wie dem “Mittagstisch im Hof”

“Besser als das Leben in der Traglufthalle. Mein Ziel ist es aber jetzt, wieder eine vernünftige Wohnung beziehen zu können. Da, wo ich jetzt wohne habe ich keinen Kontakt zu den Mitbewohnern. Viele trinken oder nehmen Drogen. Das ist nicht mein Ding und nicht gut für mich. Bei der Arbeit hier in der Gemeinde der Stadtmission komme ich mit Leuten vernünftig ins Gespräch, leiste Sinnvolles und mir wird auch.geholfen”, erklärt der gebürtige Bayer, der seit 1968 in Berlin lebt. 

Klingeln gegen die Einsamkeit

 „Einsamkeit ist nicht gut für die Seele. Wir brauchen Begegnung und Austausch, um uns selbst zu spüren, gemeinsam aktiv zu werden, zu teilen, was uns bewegt“, weiß auch Stadtmissionsdirektor Dr. Christian Ceconi, „deshalb bieten wir in unseren Projekten und Stadtmissionsgemeinden einsamen Menschen Gespräche, Gemeinschaft und wenn sie wollen sogar mehr – wie beispielsweise die Möglichkeit zu ehrenamtlichem Engagement.“

v.l.nr. SPD-Kandidatin für den Bezirk Regine Laroche, SPD-Fraktionsvorsitzender Raed Saleh, Pastorin Susann Friedl, Stadtmissionsdirektor Dr. Christian Ceconi und Mittagstisch-Initiator und Gemeindemitglied  Jost Berchner

v.l.nr. SPD-Kandidatin für den Bezirk Regine Laroche, SPD-Fraktionsvorsitzender Raed Saleh, Pastorin Susann Friedl, Stadtmissionsdirektor Dr. Christian Ceconi und Mittagstisch-Initiator und Gemeindemitglied Jost Berchner

Und weil einsame Menschen nicht an Kirchenportale klopfen, ist die Stadtmissionsgemeinde in der Frankfurter Allee zu Pandemiebeginn von Haus zu Haus gegangen.  „Wir haben geklingelt und uns mit den Menschen unterhalten. Viele haben uns erzählt, dass sie sehr einsam sind“, sagt Jost Berchner, Gemeindemitglied und Initiator der Aktion „Mittagessen im Hof“ .

Bunte Mischung 

Seit genau einem Jahr kommen immer mittwochs ab 12 Uhr einsame Menschen im Innenhof der Frankfurter Allee 96  zusammen und finden neben leckeren Essen ein Stück Gemeinsamkeit. „Anfangs haben wir zusammen gekocht, dann hat das die Pandemielage verboten“, erinnert sich Jost Berchner. Vor ein paar Wochen kam es  zum Comeback der Aktion: Mit Abstand und im Freien. Seitdem kommen wieder bis zu 30 Menschen hierher, die es schätzen, zusammen zu essen. Die Mischung an der Tafel ist dabei bunt: Transgender-Mann Noa sitzt neben der deutschen Rentnerin und der jungen arbeitslosen Kellnerin aus England. Alle verbindet eins: Lust auf leckeres Essen und die Angst vor der Einsamkeit.

Raed Saleh servierte die Nudeln mit der Tomatensoße an diesem Tag in der Stadtmission und sorgte für das Dessert: Selbst gebackener Kirschstreuselkuchen!

Raed Saleh, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus gratulierte nun der Aktion zum einjährigen Jubiläum in der vergangenen Woche. Nudeln mit Tomatensoße hatten Gerhard und seine Kollegen für die Gemeinschaft gekocht. Als Dessert hatte Raed Saleh einen selbst gebackenen Kirsch-Streusel-Kuchen mitgebracht. „Einsamkeit ist unsichtbar. Umso wichtiger ist es, betroffenen Menschen niedrigschwellige und herzliche Angebote zu machen”, erläutert der Politiker den Sinn der Initiative.  Die Corona-Pandemie habe das Problem noch einmal verschärft. Von Einsamkeit seien in Berlin inzwischen viele Menschen betroffen. “Da ist es egal, ob der geschiedene junge Familienvater oder die rüstige Frührentnerin darunter leidet. Das Thema Einsamkeit geht uns alle an“, betont Saleh beim Gespräch an diesem besonderen Mittagstisch.

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Datum: 24. Juni 2021, Bilder: Barbara Breuer, Stefan Bartylla