Neustart nach fünf Jahren: Das Strandbad Tegelsee ist wieder offen

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Ein Sozialprojekt macht es möglich: Im Strandbad Tegelsee herrscht neues Leben. 

Eine Gruppe Jungs spielt Volleyball im Sand, eine sanfte Brise weht über den Tegeler See, die Sonne strahlt, 24 Grad. Herrlichstes Badewetter. Dennoch verlieren sich am Donnerstagvormittag die Gäste im Strandbad Tegelsee. Es hat sich noch nicht richtig herumgesprochen, dass es an diesem Tag nach fünf Jahren wieder geöffnet ist. Zu kleinen Eintrittspreisen, mit denen die Besucher nebenbei ein Sozialprojekt unterstützen. Vielleicht hat auch eine ungelegene aktuelle Blaualgen-Warnung Gäste abgeschreckt. Im klaren Wasser ist jedenfalls kaum jemand, ohnehin schreckt es noch mit einer Ostsee-Temperatur von 16 Grad.

Die Besucherin Eirin aus Reinickendorf mag das Bad – wegen der Rutsche im Wasser und dem Trampolin für ihre drei Töchter, aber auch, weil es so sauber ist, sagt sie: „Eine meiner Töchter hat sich einmal in der Nähe des Strandbads an einer Scherbe verletzt.“ Als die 36-Jährige hört, wem sie den Ort zu verdanken hat, ist die Norwegerin noch mehr angetan: „Eine schöne Idee.“

Die Berliner Norwegerin Eirin mit ihren Töchtern Lüci, Linni und Linci (v.l.)

Betreiber des Strandbades Tegelsee verbinden Schönes und Gutes 

Über Jahre hinweg hatte sich nämlich niemand gefunden, der das Bad pachten wollte, bis im Verein Neue Nachbarschaft Moabit die Idee geboren wurde, Schönes und Gutes zu verbinden. Udo Bockemühl, nebenberuflich Bauleiter des Bads, fasst kurz zusammen: „Wir wollten Menschen, die es im Leben nicht so gut getroffen haben, eine bezahlte Beschäftigung bieten, damit sie sich zum Beispiel um eine Wohnung bemühen können.“

Die Bezahlung liege über dem gesetzlichen Mindestlohn und richte sich nach Qualifikation und Tätigkeit. Manche müssen erst einmal reinschnuppern, kommen nur einmal in der Woche, andere sind in Vollzeit beschäftigt. Nebenher schafft das Gelände auch noch die Möglichkeit, dass der Verein seine Veranstaltungen nicht nur in den beengten Räumen an der Beusselstraße anbieten kann.

Der Verein, der in Moabit neue und alte Bewohner zusammenbringt, um Einsamkeit zu verhindern und „soziale Teilhabe“ zu ermöglichen, wie Bockemühl sagt, bewarb sich bei einer Ausschreibung um das Bad, unterstützt vom Unternehmerpaar Jil Bentley und Klaus Kögler als Mäzene, und bekam den Zuschlag.

Harte Arbeit für 400 Vereinsmitglieder

Es begann harte Arbeit für die 400 Vereinsmitglieder und etliche Firmen: Seit Jahresbeginn wurden Dächer gedeckt und Toiletten saniert, wurde gemalert und Unkraut beseitigt, an jedem Wochenende waren bis zu 60 Mitglieder am Werk. 300 Bäume mussten gepflegt werden, was allein 30.000 Euro kostete. Den größten Anteil der Kosten, die sich nach Bockemühls Aussage auf eine Million Euro belaufen werden, machte eine neue Abwasserleitung aus.

Ute Singh hofft im Kassenhäuschen auf viele Badegäste.

Jetzt müssen nur noch die Besucher strömen, meint Ute Singh im Kassenhäuschen. Die Empfangsdame, seit vergangenem Jahr arbeitslos, wohnt in der Nähe und hatte bei einem ihrer frühen Spaziergänge mit dem Hund ein Banner am Bad gesehen, dass Mitarbeiter gesucht würden.

Kulturveranstaltungen geplant

„Auf dem ersten Arbeitsmarkt habe ich keine Chance mehr“, sagt die 54-Jährige, „und dann habe ich mich beworben.“ Sie hofft auf eine ganzjährige Beschäftigung – im Winter plant der Verein Kulturveranstaltungen im Bad -, weil sie ohne Gehaltsnachweis keine Möglichkeit hätte, sich um eine kleinere, günstigere Wohnung zu bewerben. Sie lebt in Scheidung, die drei erwachsenen Töchter sind aus dem Haus.

In einer ähnlichen Situation ist Louay Hasan, ein Lehrer aus Syrien, der in Berlin in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt. Er will seine Verlobte Rim aus Syrien nachholen, die er seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. Das geht aber nur, wenn er genügend Wohnraum nachweisen kann.

Lehrer aus Syrien arbeitet als Rettungsschwimmer

„Ich habe mich zum Rettungsschwimmer ausbilden lassen, und ich gebe Schwimmunterricht“, berichtet der 40-Jährige, der mit seinem Kollegen Anas bereits im Turnverein Waidmannslust Menschen das Schwimmen beibringt. Im Strandbad passen die beiden von einem Häuschen am Ende eines Stegs auf, dass niemand untergeht.

Louay Hasan ist Rettungsschwimmer im Strandbad Tegelsee.

Das Ehepaar Gerda und Roland Küster aus dem nahen Konradshöhe ist enthusiastisch über die private Initiative und das Engagement der rund 40 Mitarbeiter, die die Wiedereröffnung möglich machten . „Seit 32 Jahren wohnen wir hier, waren schon mit unseren vier Kindern im Strandbad“, sagt der 71-Jährige, der mit Isabell im kühlen Wasser steht: „Sie ist anderthalb Jahre alt und das jüngste unserer acht Enkelkinder – wir haben jetzt aber nur vier von ihnen dabei, sonst klappt das mit dem Aufpassen nicht.“

Immer noch keine Busverbindung

Ärgerlich ist nur, dass es immer noch nicht gelungen ist, eine Buslinie zu ermöglichen. Wer mit dem Bus 222 anreist, muss einen guten Kilometer von der Konradshöher Straße aus wandern. Der Parkplatz vor dem Eingang ist nicht besonders groß.

Das Strandbad, das auch mit einem vegetarischen Restaurant, Sport- und Yoga-Angebot aufwartet, ist täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet drei Euro, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre zahlen nichts. Im Internet ist das „Strandbad Tegelsee. Zentrum für Erholung und Kultur“ unter seeee.de zu finden.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung der Berliner Zeitung

Datum: 4. Juni, Text: Gerhard Lehrke, Bilder: Gerd Engelmann