Corona-Lockerungen: Gemischte Gefühle bei Berliner Gastronomen

Hofbräu Berlin

Endlich wieder offene Kneipen und Restaurants: Darauf hat Berlin viele Monate lang gewartet. Seit einigen Tagen  ist dieser Wunsch nun Realität, wenn auch nur im Außenbereich. Die Stimmung unter den Gastronomen ist allerdings gemischt.

„Im Vergleich zu den Vorjahren hatten wir etwa zehn bis zwölf Prozent unserer normalen Umsätze“, bilanziert Björn Schwarz (siehe großes Bild), Geschäftsführer vom Hofbräu Wirtshaus Berlin am Alexanderplatz in Mitte, das Pfingstwochenende. Test, Mundschutz, Registrierung und Kontrolle – das Umsetzen der Corona– Auflagen sei sehr aufwendig. Dennoch habe sich der Auftakt gelohnt: „Wir müssen langsam einen Neustart hinlegen, um die Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zu bekommen, Routine zu erhalten und zeigen, dass wir wieder da sind.“ Die Stimmung unter den Gästen und Mitarbeitern sei riesig gewesen, ergänzt sein Stellvertreter Lars Raubach.

Vorschriften verärgern manche Gäste

Ähnlich äußert sich Adam Kitsos von den Seeterrassen am Orankesee in Hohenschönhausen. „Wir wollen etappenweise zurück zu den alten Verhältnissen“, sagt er, und weiter: „Wir sind optimistisch.“ Dabei waren die Bedingungen des Neustarts trotz zahlreicher Reservierungen alles andere als rosig. Am vergangenen Wochenende durften nur 150 statt wie gewohnt 1.000 Plätze im Außenbereich belegt werden. „Als es regnete und wir die Markisen über die Freifläche ziehen mussten, verblieben nur noch 50 Plätze“, berichtet Kitsos. 

Optimistisch: Adam Kitsos von den Orankesee Terrassen in Hohenschönhausen. 

Rein wirtschaftlich habe sich der Neustart mit 15 Prozent der sonst üblichen Sitzplatzkapazität und halbierter Kellnerzahl für ihn nicht gerechnet. Kitsos bedauert, seinen Gästen so viele Vorschriften machen zu müssen. Er kritisiert die Test- und  Abstandspflicht und das Tragen des Mundschutzes. “Viele Gäste sehen es nicht ein, dass sie für den Besuch im Außenbereich diese Vorgaben einhalten müssen”, sagt er. “Wir bekommen oft zu hören: ,Hier draußen steckt man sich nicht an.'”

Wirt trägt nebenbei Zeitungen aus

Auch Hardi Kuschel vom Yolanda in der Senefelderstraße in Prenzlauer Berg steht seit Pfingsten wieder hinterm Tresen: „Ab 18 Uhr verkaufen wir Bier im Becher durch die Luke. Auf dem Gehweg durften wir einige zusätzliche Biergarnituren aufstellen und unsere Stammgäste freuen sich, endlich wieder bei uns vorbeikommen zu können“, sagt er.

Vorsichtig: Hardi Kuschel von der Kneipe Yolanda in Prenzlauer Berg. 

Der Zuspruch sei ab dem ersten Tag gut gewesen. Allein das Wetter habe nicht ganz mitgespielt. Und doch: „Es ist deutlich spürbar, dass die Leute sich nach ihrer Kneipe und ihrem Café sehr gesehnt haben“, so Kuschel. Er hofft, ab Mitte Juni auch drinnen wieder öffnen zu können. „Trotz Abstandshaltung lief das schon beim ersten Lockdown doch irgendwie ganz gut“, sagt er. Die Gäste hätten Verständnis für alle Regelungen. 

Mit Kompagnon André Lüdtke betreibt er das urige Kiezlokal seit 1994. Seit November war auch hier durchgängig geschlossen. Kuschel berichtet: “Die Förderungen haben uns beiden Solo-Selbstständigen geholfen. Außerdem habe ich in der Zeit kleine Nebenjobs übernommen.” Seinen Minijob als Zeitungsausträger wird er vorerst nicht an den Nagel hängen: „Die Perspektive ist noch zu ungewiss und die Zahlungen für meine Krankenkasse laufen weiter.”

Für viele Betriebe ist der Aufwand zu groß

Viele andere Gastro-Betreiber beurteilen die aktuelle Lage weitaus weniger positiv und lassen auch ihren Außenbereich geschlossen. Das gilt nicht nur, aber gerade für kleine Lokale, die ohnehin mit minimaler Logistik arbeiten. „Für uns ist der Aufwand mit allen Bestimmungen zu groß“, sagt ein Mitarbeiter der Kneipe Panenka in Friedrichshain, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Weiterhin dicht: das Lokal Panenka in Friedrichshain. 

„Zehn Bänke dürften wir auf dem Gehweg aufstellen. Im besten Falle könnten wir dann 20 Leute bewirten. Weil wir Registrierung und Platzierung durchführen müssten, bräuchten wir eine zweite Tresenkraft. Die würde sich bei der Gästezahl überhaupt nicht rechnen.“ Außerdem drohe Ärger mit den Nachbarn. „Die haben sich an die Ruhe der vergangenen Monate gewöhnt. Selbst der Verkauf aus dem Kneipenfenster heraus führt inzwischen schon zu Beschwerden.“

Innengastronomie öffnet am 18. Juni

Nicht nur das Team des Panenka wartet auf die Öffnung der Innengastronomie. Diesen Schritt sieht der Stufenplan des Senats für den 18. Juni vor. Auch dann werden ein negativer Corona-Test der Gäste sowie eine Reservierung und Begrenzung der Besucherzahl die Voraussetzungen sein. Und natürlich auch, dass die Inzidenzwerte weiterhin niedrig bleiben.

Der Berliner Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) zieht eine durchwachsene erste Bilanz der Öffnungsphase. Man müsse unterscheiden zwischen touristischen Lagen und den Wohngebieten. Entsprechend wenig los sei derzeit in Citylagen wie dem Kurfürstendamm oder am Gendarmenmarkt.

Dazu der stellvertretende Dehoga-Hauptgeschäftsführer Gerrit Buchhorn: „Die ganzen Regelungen führen zu einem Mehraufwand für Betriebe, Mitarbeiter und Gäste. Spontan irgendwo einkehren, das ist ohne Test zurzeit nicht möglich. Am Ende geht es weiterhin darum, die Inzidenzzahlen niedrig zu halten.“

Auf Abstand: Gäste am Savignyplatz in Charlottenburg. Bild: IMAGO/Stefan Zeitz

Verband fordert Senkung der Mehrwertsteuer

An dem Öffnungsdatum für die Innengastronomie müsse unbedingt festgehalten werden. Die Auflagen seien machbar: „Für die Umsetzung der Testkontrolle, aber auch für Reservierungen gibt es bereits eine Menge an digitalen Tools, die zur Verfügung stehen. Einige Gastronomen werden versuchen, Tests vor Ort zu organisieren. Das hängt sicherlich auch von der Größe und Lage ab.“

76 Prozent der Berliner Gastronomen hätten in in diesem Monat erklärt, dass sie ihre wirtschaftliche Existenz bedroht sehen. Um der Branche wieder auf die Beine zu helfen, spricht sich Buchhorn dafür aus, die Mehrwertsteuer dauerhaft auf sieben Prozent zu senken: “Das wäre ein gutes Instrument um die Betriebe nach dem Neustart und darüber hinaus zu unterstützen. Immer unter der Vorrausetzung, dass auch Umsatz gemacht wird. Wichtig ist uns, dass die Überbrückungshilfen so lange laufen, bis dass Geschäft wieder auskömmlich ist – also mindestens bis Ende des Jahres.”

Datum: 26. Mai 2021, Text: Stefan Bartylla/Nils Michaelis, Bilder: Stefan Bartylla