Massenandrang bei Schwerpunktimpfung in Hohenschönhausen

Am Pfingstwochenende fanden in Hohenschönhausen Nord Schwerpunktimpfungen gegen COVID-19 für die Bevölkerung statt. Der Andrang ist riesig. Ob die Impfrationen reichen werden, ist fraglich.

Völlig ungewohnte Szenen auf dem sonst so menschenleeren Vorplatz am S-Bahnhof Wartenberger Straße in Neu-Hohenschönhausen an diesem Pfingstsamstag. Massen von Menschen reihen sich in mehrere hundert Meter lange Schlangen. Fast alle Bewohner des Ortsteils scheinen auf den Beinen zu sein, um sich für eine Impfung im Nachbarschaftshaus an der Ribnitzer Straße anzustellen. „Seit halb fünf in der Frühe warten hier die Nachbarn, um ihre Impfungen zu bekommen. Dabei öffnen wir doch erst um halb zehn“, erklärt Philipp Cachée, der Lichtenberger Beauftragte für Katastrophenschutz. Er hat gemeinsam mit anderen Helfern das Gelände für die Öffnung des improvisierten Impfzentrums in den frühen Morgenstunden einsatzfähig gemacht: Zäune wurden vor dem Haus aufgestellt, ein Leitsystem installiert, acht Impfkabinen im Haus aufgebaut und Zelte im Ruhebereich auf der Freifläche aufgestellt. Sieben bis acht Minuten soll es nur dauern, bis jeder einzelne Impfkandidat auf den Stationen vom Check-In über die eigentliche Impfung bis zum Ruhezelt gelangt. Gegen 9 Uhr sind die Helfer der Bundeswehr vor Ort und haben den Impfstoff mitgebracht: 800 Rationen für diesen Samstag. „Ich glaube nicht, dass das reichen wird. Wenn wir könnten, würden wir gerne jetzt am frühen Samstagvormittag sofort für die kommenden drei Pfingsttage weitere Rationen nachbestellen – aber die Zuteilungen sind überall noch knapp“, erklärt Cachée.

2.400 Rationen für 25.000 Nachbarn

2.400 Impfdosen stehen für die Einwohner in den Kiezen mit den rund 25.000 Einwohnern an diesen drei Pfingsttagen bereit. „Wenn wir jetzt 2.000 Menschen impfen können, sind wir sehr froh“, sagt Bürgermeister Michael Grunst, der  zur Öffnung der Impfstation vorbeischaut, um die Situation selbst einschätzen zu können. „Hier im Ortsteil gibt es einfach zu wenig Hausärzte. Die Leute leben teilweise in beengten Wohnverhältnissen und es gibt einige Straßenzüge mit prekärer sozialer Lage. Deswegen haben wir die Kieze hier für eine Schwerpunktimpfung ausgewählt“, erläutert der Bürgermeister und führt aus: „Hier gilt wirklich, dass jede Impfung zählt.“ In Hohenschönhausen-Nord sind – wie in Neukölln, Marzahn-Nord oder Hellersdorf-Nord – die Corona-Infektionszahlen vergleichsweise hoch.

Zu wenig Ärzte im Bezirk

„So voll war es hier wohl noch nie“, erklärt Christina Emmerich, Vorstandsvorsitzende des Verein für aktive Vielfalt e.V. , der das Nachbarschaftshaus an der Ribnitzer Straße betreibt. Die ehemalige Lichtenberger Bürgermeisterin ist an diesem Tag selbst Teil des Service-Teams und wird die geimpften Menschen in den Ruhezelten der Impfstation betreuen. „Die schlechte Ärzteversorgung hier in Hohenschönhausen-Nord ist ja schon seit Jahren ein großes politisches Thema. Es fehlen Fachärzte und Hausärzte – das verdeutlichen heute die langen Schlangen vor dem Haus. Die Leute können sich ja nirgendwo anders impfen lassen, als in den Zentren. Es gibt keine Ärzte hier“, erklärt die ehemalige Bürgermeisterin.

Die ehemalige Bezirksbürgermeisterin Christina Emmerich gehörte auch zum Betreuungsteam der Schwerpunktimpfung in Neu-Hohenschönhausen.

Auch die Marzahn-Hellersdorfer Stadträtin Juliane Witt (Die Linke) ist heute in Hohenschönhausen vor Ort. „Wir wollen in vierzehn Tagen im Zelt des Zirkus Cabuwazi am Rosenberg-Platz auch eine solche Schwerpunktimpfung  durchführen. Dafür wollte ich mich schon einmal informieren, wie so eine Aktion optimal organisiert werden kann“, sagt die Stadträtin. In jedem Fall werde man in Marzahn-Hellersdorf die jeweiligen Impftage den Bewohnern entsprechender Ortsteile zuordnen. „Die Warteschlangen sollten dadurch kürzer als hier gehalten werden. Und wir werden die dann weiter hinten in den Schlangen stehenden Leute rechtzeitig darüber informieren, ob sie noch eine Chance auf eine Impfung am jeweiligen Tag haben“, sagt sie.

Die Hoffnung wartet mit

Diese Chance rechneten sich an diesem Samstag noch viele Menschen auf dem Vorplatz des Wartenberger Bahnhofs aus. „Vier bis sechs Stunden kann es schon dauern bis man dran kommt, hat man uns gesagt“, erzählt eine der Wartenden im hinteren Bereich. Geduld müsse man schon mitbringen – und was zu lesen, einen Hocker und eine Thermoskanne, sagt sie. Ob das reichen wird, um eine der Impfstoffrationen von Johnson&Johnson oder Moderna an diesem Tag injiziert zu bekommen, scheint angesichts dieser Menschenmassen zumindest fraglich.

Datum: 22. Mai 2021, Text: Stefan Bartylla, Bilder: Stefan Bartylla