Linguistin erklärt Sprachdebatte: “Wütende Männer wollen zurück in die Vergangenheit”

Gendersprache

Die Wogen schlagen hoch, wenn es um geschlechtergerechte Sprache geht. Die Diskussion ist aufgeheizt, die Kritik an den Vorschlägen, wie man die Geschlechter in der Sprache gleichstellen kann, wird oft ideologisch begründet. Die Linguistin Damaris Nübling bringt Fachwissen in die Debatte.

Warum erzeugen die Bemühungen um eine geschlechtergerechte Sprache so einen Aufruhr, ziehen Häme und Wut auf sich? Kritiker sprechen von Misshandlung der Sprache, von ihrer Vergewaltigung.
Das zeigt doch, dass das Genus-Sexus-Verhältnis sogar bei einer unbelebten Entität wie „die Sprache“ funktioniert, die als edle, reine Unschuld konzipiert wird, die man ritterlich vor Schändung zu bewahren hat. Es ist verstörend, wenn man jahrhundertelang qua Geschlecht im Besitz von Privilegien war und nun eine Demokratisierung stattfindet, bei der Frauen und nicht binäre Personen sich plötzlich zu Wort melden und mitreden. Das stellt diejenigen, die bis dahin alles bestimmt haben und dies weitgehend immer noch tun, also meist ältere Männer, in ihrem Selbstverständnis infrage. Der Verein Deutsche Sprache ist für mich der Inbegriff dieser beharrenden, konservativen, wütenden Gruppe, der jetzt das genommen wird, von dem sie dachte, dass es ihr zusteht. Kein Wunder, dass diese Leute zurück in die Vergangenheit wollen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht?
Auf jeden Fall. Die Linguistik hat einen solchen Zusammenhang nie bestritten. Rund 20 Studien und Tests beweisen, dass das generische Maskulinum als geschlechtsneutrale Form nicht funktioniert. In sogenannten Rezipiententests wird zum Beispiel eine Gruppe gebeten, drei Schauspieler zu nennen. Dann fallen in aller Regel nur die Namen von Männern. Fragt man dagegen nach Schauspielerinnen und Schauspielern, werden auch Frauen genannt. Das generische, also geschlechtsübergreifende Maskulinum ist eine Fiktion. Es wird mehrheitlich männlich gelesen.

War das generische Maskulinum schon immer da?
Das wird zwar behauptet, aber ist grundfalsch. Eine maskuline Form, die beansprucht, beide Geschlechter gleichermaßen zu bezeichnen – so etwas taucht in historischen Grammatiken überhaupt nicht auf. Und viele maskuline Formen konnten bis vor etwa 100 Jahren ja auch gar keine Frauen umfassen. Wähler, Ärzte, Wissenschaftler, Forscher – das waren jahrhundertlang nur Männer. Deshalb transportieren gerade Berufsbezeichnungen einen besonders hohen Anteil an männlichen Vergeschlechtlichungen.

Wann ist das generische Maskulinum eingeführt worden?
Gar nicht. Es wird einfach nur beschworen. Es gibt ein paar Grammatiken ab den 60er-, 70er-Jahren, die schreiben, dass alle mitgemeint sind. Das wurde aber von Feministinnen sofort bestritten und entlarvt. Beim generischen Maskulinum ist zwischen einer Verwendung im Singular und im Plural zu unterscheiden. Im Plural werden mehr Frauen assoziiert als im Singular.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung der Berliner Zeitung.

Datum: 6. Mai 2021, Interview: Susanne Lenz, Bild: IMAGO/Martin Müller