Das Märkische Viertel: viel Beton und reichlich Grün

Siedlungen im Porträt Das Märkische Viertel

Das Märkische Viertel im Bezirk Reinickendorf bietet unterschiedliche Facetten.

„Steig ein! Steig ein! Ich will dir was zeigen. Der Platz, an dem sich meine Leute rumtreiben: Hohe Häuser, dicke Luft, ein paar Bäume, Menschen auf Drogen. Hier platzen Träume.“ In seinem Song „Mein Block“ singt der Berliner Rapper Sido über sein Leben im Märkischen Viertel – über Drogen, Sex, Gewalt, Kriminalität. Der Song, veröffentlicht im April 2004, brachte dem Musiker seinen ersten großen Charterfolg und dem Märkischen Viertel ein Stück Berühmtheit über die Grenzen Berlins hinaus. Was das Musikvideo von Sido zeigt, ist ein tristes Hochhausgetto. Doch fragt man Menschen, was sie an ihrer Wohnsiedlung besonders mögen, betonen sie überraschenderweise das viele Grün.

Vom Notquartier zum Modellprojekt

Das Märkische Viertel im früher französischen Sektor West-Berlins entstand ab 1963 als Großsiedlung am Stadtrand. Vorher befanden sich hier Acker, Einfamilienhäuser sowie ein Lauben- und Notwohnquartier, in dem nach Kriegsende mehr als 12.000 Menschen unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen lebten.

Im Juli 1962 legten die Architekten Hans C. Müller, Georg Heinrichs und Werner Düttmann ein Konzept für das Märkische Viertel vor. Letztendlich waren rund 35 Architekten an der Planung beteiligt. Die Vision beinhaltete die Verbindung von Wohnraum mit einer Parklandschaft, die in deutlichem Gegensatz zum damals üblichen Zeilenbau mit Abstandsgrün stand. Moderne Bäder und Küchen, Loggien, Fernheizung und Aufzüge boten Wohnkomfort, der alles andere als selbstverständlich war.

Die Siedlung wurde bis zum Frühjahr 1974 gebaut, umfasst rund 17.000 Wohnungen für circa 40.000 Bewohner. Das sind eine ganze Menge Menschen auf der Fläche eines kleinen Dorfes, hat das Märkische Viertel doch einen ungefähren Durchmesser von nur zwei Kilometern. „Natürlich gibt es da manchmal Probleme, aber nicht mehr als anderswo“, heißt es auf der Website der städtischen Wohnungsgesellschaft Degewo, die im Rahmen eines Kiezspaziergangs die Gedanken eines Anwohnerpaares protokolliert hat.

Die Kriminalitätsrate ist niedrig

Die Kriminalitätsrate sei im Märkischen Viertel im berlinweiten Vergleich sogar recht niedrig. Alles, was man brauche, finde man hier: das Einkaufszentrum in der Mitte des Areals, Cafés, das Fontane-Haus mit Bibliothek und einem Saal für kulturelle Events, direkt nebenan eine Schwimmhalle, Sportstätten. Nicht zu vergessen das viele Grün: Die Lübarser Höhe etwa, ein 85 Meter hoher Hügel, grenzt direkt ans Viertel und lässt den Besucher über weite Wiesen bis zu den Hochhäusern schauen. Die Erhöhung lädt bei Schnee zum Rodeln ein und ansonsten lässt man hier Drachen steigen oder genießt den Ausblick.

Im nördlichen Bereich des Quartiers gibt es zwei Seen: das kleinere Mittelfeldbecken und das doppelt so große Seggeluchbecken, die durch kleine Gräben miteinander verbunden sind. CO2-neutrale Energiebilanz. Mit rund 15.000 Wohneinheiten gehört der Großteil der Wohnungen im Märkischen Viertel der Gesobau. Zwischen 2008 und 2015 baute das landeseigene Wohnungsunternehmen das Märkische Viertel zur Niedrigenergiesiedlung um, investierte 560 Millionen Euro in Wärmedämmung und moderne Standards von 13.500 Wohnungen.

Das Quartier weist seither als erste Großwohnsiedlung Deutschlands eine CO2-neutrale Energiebilanz auf. Bis zum Jahr 2023 plant die Gesobau auch die Erneuerung und Aufwertung der veralteten Außenanlagen im Märkischen Viertel. Die Maßnahmen reichen von der Verkehrssicherung loser Gehwegplatten bis zur kompletten Neugestaltung einzelner Höfe.

Datum: 29. April 2021, Text: Sara Klinke, Bild: imago/Jürgen Ritter