Handel in der Krise: Berliner Shoppingmalls müssen sich neu erfinden

Wegen des Corona-Lockdowns wird damit gerechnet, dass große Handelsketten in den kommenden Monaten Filialen schließen. Das könnte massive Folgen für die zahlreichen Shoppingmalls in der Stadt haben. Viele bereiten sich auf die Zeit nach der Krise vor. 

Schon lange vor Corona bahnte sich im Berliner Einzelhandel eine Schließungswelle an. Die Pandemie hat die Umsatzmisere insbesondere im Textil- und Modebereich noch einmal extrem verschärft. Auch viele Berliner Shoppingmalls stehen vor dramatischen Veränderungen

Das Portal t-online hat eine Liste von Ketten veröffentlicht, die die Zahl ihrer Filialen bundesweit drastisch reduzieren werden. Dazu zählen Pimkies, Galeria-Kaufhof, H&M, Esprit, Douglas und Runners Point. Das lässt auch die Shoppingmalls und Einkaufsstraßen in der Hauptstadt nicht unberührt.

„Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger in einer Krise, die der stationäre Einzelhandel schon seit einigen Jahren durchlebt“, sagt Nils-Busch Petersen, Geschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Die zu erwartenden Schließungen könnten zudem weitgehende Konsequenzen bis in den stadtplanerischen Bereich nach sich ziehen. „Ein Drittel der Einzelhandelsflächen im Berliner Stadtgebiet sind Teil von Shoppingcentern und Fußgängerzonen“, sagt Busch-Petersen.

Anderes Einkaufsverhalten hat sich durchgesetzt

Je nach Zählweise gebe es 60 bis 70 Standorte mit rund 1,6 Millionen Quadratmeter Fläche in der gesamten Stadt. „Ein vitaler Einzelhandel in der unmittelbaren Nachbarschaft war und ist für eine funktionierende Stadtstruktur essenziell. Eine Schließungsentwicklung ist aktuell auch bei den Malls nicht von der Hand zu weisen. Corona setzt den Deckel auf ein ohnehin verändertes Einkaufsverhalten“, so Busch-Petersen.

In Gesprächen mit einzelnen Malls werden bereits Strategien skizziert, um „klassische“ Einkaufszentren neu zu erfinden. So auch in Lichtenberg, wo Wirtschaftsstadtrat Kevin Hönicke (SPD) in der vergangenen Woche Ideen gegen die Krise gemeinsam mit Centermanagern in einem Workshop diskutierte: Kulturelle und soziale Angebote wie Nachbarschaftstreffs, Kitas, Büros, Arztpraxen und sogar Wohnungen könnten auf frei gewordenen Flächen neu entstehen. „Alles liegt in der individuellen Betrachtung des jeweiligen Standortes“, so der Stadtrat, in dessen Bezirk sich 2020 gleich zwei Shoppingmalls mit drohendem Leerstand durch die Galeria-Kaufhof-Krise beschäftigen mussten.

Die Notwendigkeit einer grundlegenden Neuausrichtung sieht auch Peter Schönbrunn, Centermanager des Pankower Rathaus-Centers. Drogerien und ein großer Supermarkt sorgen derzeit noch für eine gewisse Grundfrequenz in seinem Haus. „Nach anfänglichem Tief haben wir während der Corona-Krise eine Quote von bis zu 75 Prozent unserer normalen Besucherfrequenz wieder erreicht“, erläutert er. In diesem Jahr wurde im Zuge des Lockdowns ein Geschäft geschlossen. „Auch in unserem Center können wir noch nicht voraussehen, welche Händler die Krise überstehen werden“, erläutert er. Generell glaubt auch er an eine notwendige Neuausrichtung.

Peter Schönbrunn, Centermanager des Pankower Rathaus-Centers

Peter Schönbrunn, Centermanager des Pankower Rathaus-Centers

„Ein echtes Einkaufserlebnis gibt es online nicht – das müssen wir mit zusätzlichen Events und Anreizen anbieten“, schildert er die Chance, um Attraktivität von Shoppingmalls auch jenseits der reinen Nahversorgung zu steigern.

Breiteres Angebot sorgt für größere Flexibilität

Jens Fritsche, Centermanager des Lichtenberger Wohn- und Geschäftszentrums Storkower Bogen, setzt seit jeher auf eine breite Mischung aus Veranstaltungscenter, Restaurants und zahlreichen medizinischen Versorgungsangeboten und Ärzten in seinem Haus. Dem Einzelhandel hilft dieses Profil indes nur wenig.

„Diverse Händler können derzeit nur einen Teil der Miete zahlen, der gesamte Umfang der Einbußen wird sicher erst mit Ende der Krise abschätzbar sein“, so Fritsche. Kürzlich habe ein Büromieter 1.400 von 2.100 Quadratmetern Fläche aufgegeben. Erst nach der Krise wolle sich der Eigentümer mit Neuausrichtungen am Standort beschäftigen. Womöglich könnten dann Wohnungen und vielleicht sogar eine Theaterstätte entstehen.

Datum: 27. April 2021, Text und Bilder: Stefan Bartylla