Corona: Die digitale Patientenakte scheitert am Datenschutz

Flexiblere Daten-Strukturen könnten bei der Corona-Impfkampagne helfen – der Datenschutz macht oft einen Strich durch die Rechnung.

In Berlin wird seit Anfang des Jahres gegen das Corona-Virus geimpft. „Wir hatten von Beginn an das Ziel, 20.000 Impfungen am Tag in den Impfzentren durchzuführen. Das gelingt derzeit mit größten Anstrengungen“, erläutert Martin Matz (CDU), Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung.

Prioritäten noch immer bei den Impfzentren

Wenn nun Ende April der Bund große Mengen an Impfstoffen an die Länder liefert, sollen auch Berliner Hausärzte verstärkt in die Impfkampagne eingebunden werden. Der vorhandene Impfstoff wird dabei weiterhin nach einem klaren Schlüssel verteilt: Zwei von drei Impfdosen gehen zunächst an die Impfzentren. Deshalb wird jede teilnehmende Arztpraxis gerade mal 20 oder maximal 30 Patienten zunächst in der Woche impfen können. Hausärzte kritisieren diesen Verteilungsschlüssel. Ihrer Meinung nach sei es besser, mehr Impfstoff an die Praxen zu liefern und weniger an die Impfzentren. „Ich hätte mir schon von Beginn an diese umgekehrte Reihenfolge gewünscht. Die Ärzte kennen doch alle relevanten Daten zu den Risikopatienten und deren Lebensumstände“, sagt Sibylle Katzenstein, Berliner Fachärztin für Allgemeinmedizin, die sich in der aktuellen Impfdiskussion intensiv öffentlich engagiert.

Die Datenerfassung ist ein großes Problem

Zusätzlich fehle es bis zum heutigen Tage oft an sinnvoller Vernetzung zwischen den Beteiligten des Gesundheitswesens und den Impfzentren. „Die Pandemie war von Beginn an für unser Gesundheitssystem zu mächtig und viel zu schnell, um einen solchen Gesundheitsapparat mit diesen riesigen Impfzentren adäquat aufbauen zu können“, sagt Katzenstein. Ein Argument, das auch Albrecht Brömme, Projektleiter der Berliner Impfzentren nachvollziehen kann. Neben der Verfügbarkeit des Impfstoffes, habe man sich insbesondere mit der Datenbeschaffung aufwendig beschäftigen müssen, so Brömme. „Hier müssen wir in Zukunft die Angst vor der Datenvernetzung im Gesundheitswesen verlieren“, ist er überzeugt.

Datenschutz sorgt für ungeahnte Probleme 

Eine Ansicht, die auch Staatssekretär Matz teilt: „Wir haben jahrelang über die digitale Patientenakte diskutiert. In der Pandemiezeit fehlt sie uns nun. Die nutzerzentrierte Entwicklung muss auch im Gesundheitswesen direkte, digitale Leitungen zwischen den Ärzten, Gesundheitsämtern und den Krankenkassen schaffen“, sagt der Politiker. Der Staat verfüge über keine zentrale Datei für chronisch Kranke – da sei man ohnehin auf die Hilfe der Kassenärztlichen Vereinigung angewiesen gewesen. Bei der Impfkampagne für Senioren über 80 habe man in Niedersachsen andere Wege gehen und das eigene Melderegister verwenden wollen. Da das aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht funktionierte, versuchte man Adresskarteien der Deutschen Post zu nutzen. Weil diese unvollständig waren, schätzte man das Alter von rund 13.000 hochaltrigen Senioren aufgrund des Vornamens: Heinrichs und Adolfs bekamen ihre Impftermine – Björns, Jürgens oder Jörgs hatten dabei schlechtere Karten.

Allgemeinmedizinerin Dr. Sybille Katzenstein setzt sich für eine bessere Digitalisierung im Praxisalltag ein.

Ein Beispiel, das den Sinn des Ärzteeinsatzes im Impfmanagement unterstreicht, findet Sybille Katzenstein: „Wir brauchen kein großes Einladungsmanagement. Wer in die Praxis kommt, sollte sie auch geimpft wieder verlassen können“, sagt die Medizinerin, die sich zudem auch eine entlastende Digitalisierung in ihrem Praxisalltag wünscht. „Faxe zwischen Arztpraxen und dem Gesundheitsamt sollten heute eigentlich der Vergangenheit angehören“, so die Ärztin.

 

 

Datum: 21. April 2021, Text: Stefan Bartylla, Bild: IMAGO / MiS