Corona-Alltag: Das stille Leiden von Kindern und Jugendlichen

Kinder Jugendliche Folgen Corona

Depressionen, Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten: Ärzte und Psychologen warnen eindringlich vor den massiven Auswirkungen des Corona-Lockdowns auf Kinder und Jugendliche. 

Gemeinsam gegen Corona, so das Motto in der Pandemie. Alle müssen sich einschränken, um einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern und andere zu schützen. Auch die Jüngsten. Doch was passiert mit den Kindern und Jugendlichen? Ist der Verzicht auf soziale Kontakte, die Einschränkung von Kita, Schule und Vereinstätigkeit nur nervig? Oder können sie auch weitreichende Folgen haben? Fachpersonen warnen nun eindringlich. Denn die Auswirkungen scheinen schlimmer als gedacht.
 

Dramatische Folgen für Kinder und Jugendliche

„Die Auswirkungen des Lockdowns auf Kinder und Jugendliche sind drastisch“, stellt etwa Jakob Maske, der Pressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Berlin, fest. Auffälligkeiten ziehen sich laut Maske durch alle Altersgruppen und verschiedenste Krankheitsbereiche.
 
Der Pressesprecher, der als Kinder- und Jugendarzt in Schöneberg tätig ist, erlebt ebenso wie seine Kollegen diese Auswirkungen tagtäglich. Massiv sei etwa der Anstieg von Adipositas, also Fettleibigkeit. „Dass so viele Kinder und Jugendliche zunehmen, ist ungewöhnlich“. Nicht nur mit Fettleibigkeit, sondern auch mit Essstörungen im Allgemeinen hätten seine Patienten vermehrt zu kämpfen.  „Es gibt ganz viele, die bei den Gewichtsverlaufskurven deutlich herausstechen.“ Auch der Lernzuwachs sei massiv eingeschränkt, psychische Symptome und Erkrankungen nehmen laut den Ärzten deutlich zu. „Etwa Depressionen, Zwangsstörungen, Essstörungen oder sogar selbstverletzendes Verhalten – und das bereits bei den Kleinsten“, resümiert der Arzt. 
 
Nun liegt die Überlegung nahe, dass diese Symptome vorübergehende Auswirkungen sind, die mit Ende der Hygienemaßnahmen genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Daran glaubt der Mediziner jedoch nicht. Zwar seien bestimmte Folgen, wie etwa Gewichtszunahmen dem Bewegungsmangel und mehr ungesunder Ernährung während des Lockdowns geschuldet. Doch seien auch diese vermeintlich harmlosen Folgen oftmals prägend für das gesamte weitere Leben. Im Klartext: Viele übergewichtige Kinder bleiben es auch im Erwachsenenalter. Denn Gewichtsprobleme seien nicht einfach abzubauen. „Das trifft auch auf viele andere Leiden zu. Die allermeisten Auswirkungen sind nicht kurzfristig. Viele Kinder und Jugendliche werden schwere Schäden davontragen“, ist er überzeugt.   
 

Die soziale Schere wird größer

Ein weiteres Problem sieht er darin, dass die soziale Schere durch die Pandemie noch größer werde. Denn soziale Kontrollen fehlen. Der Schulalltag ist eingeschränkt, auch Kitas fielen in den vergangenen Monaten für viele Familien aus. Da ist es nur logisch, dass der Stressfaktor zwischen Homeschooling und Homeoffice steigt – und damit auch das Konfliktpotenzial.
 
„Häusliche Gewalt nimmt zu. Auch Streit zwischen den Eltern macht Kinder krank, wenn sie keinen anderen Zufluchtsort haben und soziale Kontakte wegfallen. Das ist wohl mit ein Grund für den Anstieg von selbstverletzendem Verhalten, das wir vermehrt beobachten“, erklärt der Arzt. Und weiter:  „Nicht alle Kinder und Jugendlichen sind auffällig. Doch alle diejenigen, die aus sozial schwächeren oder schwierigen Familien kommen, sind die großen Verlierer der Pandemie“.
 

Erschreckende Beobachtungen

Aktuelle Daten, Studienergebnisse und Umfragen bestätigen die Beobachtungen und Warnungen der Fachpersonen.  In Berlin kommen seit Beginn der Pandemie deutlich mehr Kinder und Jugendliche zur Behandlung in psychiatrische Kliniken. Das geht aus einer Sonderauswertung der Krankenkasse DAK hervor. Demnach haben sich in der Hauptstadt im ersten Halbjahr 2020 Psychiatrieaufnahmen junger Menschen fast verdoppelt.
 
Auch eine Studie von Medizinern aus Hamburg belegt die seelische Belastung von Kindern mit Zahlen: Etwa jedes dritte Kind zeigt demnach Auffälligkeiten. Das ist das Ergebnis der zweiten Befragung der sogenannten COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Allerdings dürften Auffälligkeiten nicht mit psychischen Störungen oder Krankheiten verwechselt werden, betonen die Forscher. Vor der Pandemie war jedes fünfte Kind psychisch belastet. Gründe für eine Verschlechterung des Wohlbefindens sind laut der Studie auch eine ungesündere Ernährung und deutlich weniger Bewegung. 
 
Laut der Studie „Kind sein in Zeiten von Corona“ des Deutschen Jugendinstitut (DJI) ist für einige Kinder die Pandemie mit Gefühlen der Einsamkeit verbunden: Mehr als ein Viertel (27 Prozent) der befragten Eltern stimmten der Aussage eher oder ganz zu, dass sich ihr Kind während des ersten Lockdowns einsam fühlte. In Familien mit schwieriger finanzieller Lage traf dies auf noch weit mehr Kinder zu (48 Prozent).
 

Vergessene der Pandemie

Bedeuten diese Beobachtungen, dass Kinder von den Lockdown-Maßnahmen ausgenommen sein sollten? „Nein“, meint Maske. „Doch sind die Rechte der Kinder bisher nicht ausreichend wahrgenommen worden.“ Damit meint er etwa das Recht auf Bildung oder auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Es brauche Lösungen, um soziale Gerechtigkeit, Bildung und soziale Kontrolle zu gewährleisten. Sonst werde die Zukunft mancher massiv gefährdet. 
 
Datum: 17. März 2021, Text: Anna von Stefenelli, Bild: imago images / Michaela Begsteiger