Verborgenes Berlin: Die Geburtsstunde der “Elektrischen” schlug in Lichterfelde

In Lichterfelde fuhr einst die erste elektrische Straßenbahn der Welt. Und auch in Lankwitz hat eine bedeutende Errungenschaft der Technik Spuren hinterlassen.

An der Ecke Morgensternstraße/Königsberger Straße in Steglitz-Zehlendorf steht, leicht von der Straße zurückversetzt, eine Bank an einem wenige Quadratmeter großen gepflasterten Oktogon. Daneben ein Haltestellenschild mit Fahrplan. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass auf dem Schild ein gusseisernes Wagenrad thront und dass der Fahrplan von 1881 stammt.

In das Pflasterstück sind zwei Gleise eingelassen. Es handelt sich um ein Denkmal für die erste elektrische Straßenbahn der Welt, deren Startpunkt etwa an dieser Stelle lag und die von der Firma Siemens & Halske des berühmten Industriellen Werner Siemens aus Charlottenburg (ab 1888 Werner von Siemens) gebaut wurde.

Vor 140 Jahren fing alles an

Ab 16. Mai 1881 verband die Linie den Bahnhof Groß-Lichterfelde (heute: S-Bahnhof Lichterfelde Ost) mit der neuen preußischen Hauptkadettenanstalt, in deren Räumen heute die Berliner Bestände des Bundesarchivs untergebracht sind. Eine weitere Informationstafel zur ersten Straßenbahn der Geschichte findet sich im S-Bahnhof Lichterfelde Ost, nur wenige Schritte von der Kreuzung entfernt.

An der Königsberger Straße erinnert ein Haltestellenschild an den Aufbruch ins Zeitalter der “Elektrischen”.

Auch die Berliner U-Bahn zählt zu den ältesten U-Bahnen weltweit. 1902 wurde die U1 als erste Linie der Stadt eröffnet. Diese Pionierstellung geht ebenfalls auf Werner von Siemens zurück, der als Begründer der Elektrotechnik gilt: Er hatte auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 die erste Elektrolokomotive der Welt vorgestellt und bereits 1880 Pläne für eine U-Bahn eingereicht. Die Stadt entschied sich jedoch zunächst für die Straßenbahn.

Ein Treffpunkt für Frauen

Wo Charlottenstraße und Elisabethstraße in einem spitzen Winkel zusammenlaufen, steht ein kleines neoklassizistisches Gebäude, an dessen Fassade das Wort „Ratswaage“ zu lesen ist. Hier befand sich bis zu ihrer Stilllegung im Jahr 1968 die offizielle Waage der Gemeinde Lankwitz. Seit 1993 dient das Haus als öffentlicher Frauentreffpunkt. Es bietet Beratungen, Workshops und Veranstaltungen zur Unterstützung von Frauen an.

Erbaut wurde die Lankwitzer Ratswaage 1917/18 von dem Stadtbaurat Fritz Freymüller als Ersatz für eine frühere Gemeindewaage, die zu klein geworden war. Auf der neuen Brückenwaage, auch Fuhrwerks- oder Gespannwaage genannt, ließen die Bauern und Händler das reine Gewicht ihrer Ladung bestimmen, indem sie mit ihrem Fuhrwerk auf die fünf Meter lange Wiegebrücke fuhren. Das Gewicht des Fuhrwerks wurde abgezogen.

Anhand der Wiegebescheinigung wurde am benachbarten Güterbahnhof Lichterfelde-Ost der Transportpreis der zu verladenden Güter berechnet. Das abgesperrte Rechteck vor dem kleinen Haus ist die noch immer funktionsfähige Wiegebrücke. Mit ihr konnten Lasten bis zu elf Tonnen gewogen werden.

Seltenes Industriedenkmal in Lankwitz

Der Wiegeraum befindet sich im Keller darunter. Die Wiegeeinrichtung, die dort noch erhalten ist, stellt ein seltenes Industriedenkmal dar. Während heute größere Lasten mit elektronisch abgetasteten Dehnungen von geeichten Messfühlern ermittelt werden, funktionierte die Lankwitzer Ratswaage nach dem Dezimalwaagenprinzip – ebenso wie die früheren Kofferwaagen im Bahnhof, nur zehnmal so groß.

Seit 1927 wurde die Lankwitzer Waage ausschließlich von Frauen betrieben, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Frauen würden beim Wiegen exakter arbeiten, hieß es damals.

Verborgenes Berlin
Jonglez Verlag
464 Seiten
19,95 Euro
www.jonglezverlag.com

Datum: 25. Februar 2021, Text: red, Bilder: Thomas Jonglez