Berliner Verkehr: Park-and-ride statt Stop-and-go

Die Berliner City war im letzten Jahr Deutschlands größte Staufalle. Der ADAC sowie Politiker aus Reinickendorf und Marzahn-Hellersdorf fordern mehr Park-and-ride-Plätze und günstigere Bahntarife im Umland. Vom Kurs der Verkehrssenatorin sind viele enttäuscht.

35.000 Staukilometer auf den Berliner Autobahnen sowie 20.000 Stunden Stauzustand machten die Berliner City im Jahr 2020 zur größten Staufalle Deutschlands. Eine Berliner Bürgerinitiative will jetzt den Autoverkehr in der City weitgehend verbieten. Mithilfe eines Volksbegehrens soll Berlin bis zum Jahr 2030 zur größten autoreduzierten Innenstadt der Welt werden. Weniger Autos in der Berliner City will auch der ADAC. Die Strategie ist indes weniger radikal. Deutschlands größter Automobilclub hat die Zahl der Berufspendler ausgemacht, die aus Brandenburg täglich mit dem Auto nach Berlin kommen. 150.000 Autos wurden pro Werktag gezählt.

Zum Job aus dem Umland in die City

„Bauland ist in Brandenburg viel preiswerter als in Berlin. Eigenheime sind dort noch bezahlbar und Mieten viel günstiger“, erklärt ADAC-Vorstand Volker Krane einen Trend, der die Zahl der Berufspendler in den vergangenen 20 Jahren um fast 60 Prozent steigen ließ. Entlastung verspricht sich der Automobilclub vom Ausbau der Park-and-ride-Parkplätze (P+R) am Stadtrand. Rund 300 Stationen mit 23.000 Stellplätzen gibt es offiziell auf Brandenburger Seite. „Das sind leider noch viel zu wenig. Und die, die es gibt, sind auch nicht gut genug“, kritisiert Krane. Mehr als 80 Prozent aller Stellplätze seien an jedem Werktag belegt, weil viele Berufspendler den Zeitvorteil des ÖPNV nutzen. Laut ADAC-Berechnungen ist eine Fahrt mit der Bahn in die City während der Stoßzeiten im Schnitt bis zu 14 Minuten kürzer als eine Autofahrt (50 Minuten).

Bezirkspolitik wünscht bessere Taktung im ÖPNV

Der Ausbau der P+R-Möglichkeiten auf Brandenburger Gebiet sei eine richtige Forderung, findet auch der Linken-Abgeordnete Kristian Ronneburg. „Das kann einen Beitrag dafür leisten, dass noch mehr Pendler auf den ÖPNV umsteigen. Damit würden unsere Straßen entlastet“, sagt der Marzahn-Hellersdorfer Verkehrsexperte. Sein Standortvorschlag für einen P+R-Platz im nordöstlichen Berlin umfasst am Friedhof Ahrensfelde sogar die Wiedereröffnung einer vor vielen Jahren eingestellten Bahnstrecke. „In Kombination mit der vom Senat vorgesehenen Taktverdichtung auf den Regionalbahnen könnte so die Verkehrsbelastung auch in Marzahn-Nord und Ahrensfelde reduziert werden“, sagt Ronneburg.

ADAC fordert Verdopplung der P+R-Kapazitäten

Der ADAC fordert eine Verdopplung der Zahl sowie infrastrukturelle Verbesserung der vorhandenen P+R Plätze in den kommenden zwei Jahren. Und das ist kein billiges Unterfangen: Rund 146 Millionen Euro dürfte laut Schätzungen des Landes Brandenburg die Schaffung von zusätzlichen 9.000 P+R-Plätzen und 21.000 Fahrradstellplätzen in Brandenburg kosten. „Ein erster Schritt, um diese Planungen umzusetzen, könnte die Gründung einer länderübergreifenden Betriebsgesellschaft sein, die das Thema mit politischer Rückendeckung pragmatisch und zeitnah vorantreibt“, sagt Krane. Wichtig sei dabei eine einfachere Flächenbeschaffung und der professionellere Ausbau der Anlagen. Von den Bahngesellschaften wünscht sich der ADAC eine Vergünstigung durch die Einbindung der Brandenburger Stationen in die Tarifzone B. Ein Vorschlag, den der rot-rot-grüne Senat nicht mitgehen will. Es sei mit Mindereinnahmen bis in zweistelliger Millionenhöhe zu rechnen, die den Verkehrsunternehmen auszugleichen wären.

Zudem würde eine Verschiebung der Tarifgrenze die Problematik der Einpendler aus Brandenburg nur weiter nach außen verlagern, so ein Sprecher der von Regine Günther (Grüne) geführten Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz gegenüber der „Berliner Zeitung“. P+R-Plätze innerhalb Berlins seien schwierig anzulegen: Es fehle an Platz und die Kosten für den Grunderwerb seien hoch.

Jedes eingesparte Auto zählt

Diese Einstellung stößt in vielen Berliner Bezirken auf Unverständnis. So auch in Reinickendorf, wo das Bezirksamt den Umstieg der Pendler auf den ÖPNV erleichtern und die preiswerteren AB-Tarife auf Gemeinden des sogenannten Speckgürtels ausweiten möchte. Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU): „Hier könnte die Verkehrssenatorin beweisen, wie ernst es ihr mit einer Mobilitätswende ist. Jedes Auto, das in Brandenburg geparkt werden kann und sich nicht auf den Weg in die Berliner Innenstadt macht, entlastet Zufahrtsstraßen in den Außenbezirken. Leider lehnt Senatorin Günther neue P+R-Plätze stets ab, weil sie meint, Brandenburger sollten gar nicht erst in ihr Auto steigen, um zur Bahn zu gelangen. Ich halte dies für weltfremd.“

Datum 24. Februar 2021, Text: Stefan Bartylla, Bild: mago images/Schöning