Neukölln: So viel Schuldnerberatung wie nie

Schuldnerberatung Schulden Neukölln
Die Corona-Krise macht sich auch bei der Schuldnerberatung bemerkbar. Die Schuldnerberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) meldete im vergangenen Jahr deutlich mehr Klienten.
Obwohl der zweite Standort im Jobcenter Neukölln seit März 2020 geschlossen ist, gab es in manchen Monaten ein Viertel mehr Gespräche als im Jahr zuvor. Das berichtete Marco Rauter, der Leiter der Beratungsstelle, vor Kurzem im Sozialausschuss. Besonders in der zweiten Jahreshälfte habe es einen starken Zuwachs gegeben.
 
Die Sorge bei Rauter ist vor allem so groß, weil Immer mehr Menschen, die zuvor ein gutes Auskommen hatten, jetzt tief in den Miesen stecken. Besonders stark sei die Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren betroffen. Sie machte rund 60 Prozent der Beratungen aus. Das liege vor allem daran, dass in den mittleren Jahren Vermögensaufbau, Altersvorsorge und die Unterstützung der Kinder oft parallel laufen müssen. Wer dann ein Jahr lang in Kurzarbeit geschickt werde, komme in Nöte. „Die Menschen fangen gerade sogar an, ihre Altersvorsorge aufzukündigen, um den Lebensstandard halten zu können“, erläuterte Rauter im Ausschuss.
 

Nöte in vielen Bereichen

Im vergangenen Jahr seien zur Schuldnerberatung auch viele Menschen vorsorglich gekommen. Sie wollten etwa wissen, wie laufende Verträge zu kündigen sind, falls ihre finanzielle Situation sich verschlechtert. Auch Selbstständige kämen zunehmend in prekäre Lage. Das seien etwa Taxifahrer mit gemieteten Autos, denen die Kundschaft weggebrochen ist oder auch Friseure. Große Probleme gebe es auch im Niedriglohnsektor. Betroffenen bleibe oft kaum genug zum Leben. „Mit geringerem Gehalt haben mehr Menschen auch Anspruch auf Wohngeld“, so Rauter. Diese Unterstützung und die Einführung des Mietendeckels hätten die Situation immerhin etwas abgepuffert.
 
Mit seinem zwölfköpfigen Team hat Marco Rauter 2020 insgesamt 13.365 Beratungen durchgeführt. Das wäre mit den Mitteln, die noch 2016 für die Schuldnerberatung zur Verfügung standen, nicht möglich gewesen. 640 000 Euro waren es für Neukölln damals, im vergangenen Jahr hatte der Bezirk 970.000 Euro zur Verfügung gestellt. Rauter geht davon aus, dass die Nachfrage hoch bleibt. Wie viele Insolvenzen effektiv folgen, könne man jedoch wohl frühestens gegen Ende 2021 absehen, sagt er.
 
Datum: 17. Februar 2021, Text: red/ast; Bild: imago images / Reporter