Verborgenes Berlin: Auf den Spuren des Aufnahmelagers in Blankenfelde

Aufnahmelager Blankenfelde

Gerade am Stadtrand hält Berlin historische Schätze bereit. Unsere heutige Entdeckungsreise zu verborgenen Perlen führt nach Blankenfelde.

Im Zaun der Revierförsterei Pankow rosten ein Gittertor und viel Maschen- und Stacheldraht vor sich hin – Erkennungsmerkmale des einstigen Aufnahmelagers Blankenfelde für Migranten von West nach Ost. Eine kleine Betonzelle mit Sicht- und Schießschlitz steht direkt unter einer DDR-Straßenlaterne des Typs RSL 1 – ein Einmannbunker des Wachpostens, der hier freies Schussfeld auf alle hatte, die versuchen sollten, diesen Zaun zu überwinden.

Die Gesinnung der West-Ost-Wanderer wurde überprüft

„Die Holzbaracken wurden vor Jahren abgerissen“, sagt der Förster. „Die armen Schweine, die in die schöne DDR reinwollten – ob zum ersten Mal oder wieder –, wurden auf Herz und Nieren durchleuchtet, damit sich ja kein Staatsfeind einschlich.“ Von 20 Aufnahmelagern mit insgesamt 1.500 Plätzen war im Jahr der Wende nur noch das 1979 in Röntgental eingerichtete mit 117 Betten übrig.

Blankenfelde fasste 300 Einreisewillige aus dem Westen. Hier schätzte man 38 Tage lang den Wert jedes Einzelnen für die DDR-Wirtschaft und beurteilte seine politische Gesinnung. Von West-Rückkehrern wurde da natürlich reuige Selbstkritik gefordert. Ihre Bekenntnisse wurden in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ abgedruckt. Von 1949 bis 1988 kamen etwa 600.000 Personen aus dem Westen in die DDR. 400.000 von ihnen waren vorher aus der DDR geflohen.

Während die Zahl der Ost-West-Migranten jährlich zwischen 150.000 und 330.000 schwankte (insgesamt waren es fast vier Millionen) – mit Höhepunkten 1953 und 1957 sowie einem Tiefpunkt 1959 –, blieb die Zahl der West-Ost-Migranten gleichmäßiger: Zwischen 1949 und 1953 kamen jedes Jahr etwa 25.000, danach zwischen 55.000 und 70.000. Erst mit dem Mauerbau 1961 sank die Zahl der Einreisenden in den DDR-Aufnahmelagern rapide auf wenige Tausend im Jahr. 1989 baten nur noch 1.000 Personen aus dem Westen um Einreiseerlaubnis.

Im Park schlummert eine historische Rarität

Die lange Natursteinmauer im hintersten Winkel des Botanischen Volksparks in Blankenfelde scheint eine Steinwand zu sein, die ein übereifriger Gartenarchitekt aus vielen mittelgroßen bis winzigen, hier und da nummerierten Gesteinsstücken aufgemauert hat. In Wahrheit handelt es sich um eine geologische Attraktion ersten Ranges, noch dazu eine historische Rarität: Diese Steinwand wurde 2018 in den Rang eines „Nationalen Geotops“ erhoben, des einzigen in Berlin.

Entworfen und gebaut wurde die „Geologische Wand“ 1891 bis 1896 von Eduard Zache (1862–1929), Mitglied der Deutschen Geologischen Gesellschaft und der Brandenburgia. Ursprünglich stand sie im Humboldthain. 1909 übernahm der zentrale Schulgarten an der Chaussee nach Blankenfelde, der heutige Botanische Volkspark, die botanische Bildungsaufgabe in viel größerem, wissenschaftlicherem Rahmen.

Auch die einzigartige Geologische Wand des promovierten Geologen und Oberlehrers am Andreas-Realgymnasium in der Koppenstraße zog 1912 dorthin um. Auf 30 Metern Länge und 2,50 Metern Höhe bildete Zache mit 123 Gesteinen, Mineralien, Erden und Erzen aus Brandenburg, dem Rheinland, Schlesien, Sachsen und Thüringen in 20 Abschnitten einen idealen Querschnitt durch die Erdgeschichte Mitteleuropas nach.

Von links nach rechts sind – von jungen Sedimenten ausgehend – fortlaufend immer ältere Schichten zu sehen, bis hin zu den ältesten Gesteinen des Grundgebirges.

Verborgenes Berlin
Jonglez Verlag
464 Seiten
19,95 Euro
www.jonglezverlag.com

Datum: 13. Februar 2021, Text: red, Bild: Thomas Jonglez