Berlin-Lichtenberg: Aus der Rettung wurde eine Räumung

Das große Obdachlosencamp am Ostkreuz ist Geschichte. Als Kälte-Evakuierung des Bezirksamtes geplant, nutzt der Eigentümer die Gunst der Stunde und zerstört das Barackendorf auf dem Gelände der geplanten Coral-World.   

„Die Kombination aus der Kälte und Feuchtigkeit und die Aussichten auf die nächsten Tagen ließen nur die Möglichkeit zu, dringend zu helfen. Es gelang uns im Laufe des Freitagnachmittags eine sichere Unterkunft zu finden und anbieten zu können. Presse und Anwohnern vor Ort konnten sich überzeugen, dass die Menschen begleitet und vielseitig betreut wurden“, erklärte Lichtenbergs stellvertretender Bürgermeister und Bezirksstadtrat Kevin Hönicke (SPD) die Maßnahme, das Obdachlosencamp an der Rummelsburger Bucht noch vor dem gefürchteten Wetterumschwung mit Schneesturm und Kälte am vergangenen Freitag zu räumen. Sozialarbeiter des Karuna e.V sowie Kräfte Technischen Hilfswerkes und des Deutschen Roten Kreuzes hätten vor Ort geholfen

Große Pläne mit Wasserblick

Auf  der Brache an der Rummelsburger Bucht wird bereits seit einigen Jahren der Baubeginn für das Erlebnisaquarium „Coral World“ erwartet. Seit drei Jahren leben hier Menschen in Zelten und selbst gezimmerten Baracken. Sanitäranlagen gibt es nicht und alle Heizmöglichkeiten sind selbst gebastelt – offenes Feuer und Konstruktionen mit Gasflaschen sorgen für Gefahr im eng gestellten Barackendorf.

Unterbringung erst in der Traglufthalle, dann in Hostels

In dem Camp an der Rummelsburger in Sichtweite zum Ostkreuz hielten sich zum Zeitpunkt der Evakuierung genau 79 Menschen auf. Alle Obdachlosen verließen auf Aufforderung des Bezirksamtes und der Polizei hin freiwillig die Brache. 47 Personen konnten mit mehreren Bussen der BVG zu einer Traglufthalle am Friedrichshainer Containerbahnhof gebracht werden, Die sogenannte „Halle Lujah“ dient dort schon seit Jahren als Notunterbringung für obdachlose Menschen in den kalten Wintermonaten. Am Samstag seien zudem genügend zusätzliche Plätze für diese Menschen in Hostels bereitgestellt worden.

Nach der Evakuierung protestierten am Samstagnachmittag rund 100 Menschen vor den mit Bauzäunen verschlossenen Camp-Zugängen. Wichtigste Forderung war der Zutritt der Bewohner zum Camp, damit diese ihr dort verbliebenes Hab und Gut sichern konnten. In Verhandlung mit den Eigentümern des Grundstücks konnte Bezirksstadtrat Hönicke zunächst die Zusicherung erhalten, dass die Obdachlosen in den folgenden Tagen jeweils einzeln den Zutritt zum Gelände erhalten, um ihr persönlichen Dinge aus Zelten und Baracken holen zu können. Bis dahin sollen Zelte und Baracken stehen bleiben.

Schon am Freitag hätten die Bewohner Gelegenheit gehabt, ihre persönlichen Dinge mitnehmen zu können. „Wir haben einen ganzen Lastwagen beladen“, erklärte ein Sprecher des bezirklichen Katastrophenschutzes.

Dann doch geräumt

Die Bewohner werden aber doch wohl nicht mehr auf die Brache zurückkehren und schon gar nicht mehr dort wohnen dürfen. Eine direkte Anfrage des Berliner Abendblattes an eine Sprecherin des Eigentümers blieb unbeantwortet. „Ich übergehe diese Frage zum gegenwärtigen Zeitpunkt“, lautete der Kommentar der Projektarchitektin der Coral World, Anna Maske am Samstagmittag. Wenige Stunden später wurden Teile der Baracken und Zelte im Auftrag der Eigentümer abgerissen. Eine Maßnahme, die schließlich im völligen Widerspruch zur Zusage steht, die die Eigentümer dem Bezirksstadtrat wenige Stunden zuvor gegeben hatten. “Die Eigentümer haben mir jetzt noch einmal versichert, dass nur die leerstehenden Baracken und Zelte abgerissen werden, Bis auf die Gasflaschen und andere feuergefährlichen Dinge werden alle Gegenstände, die ein Eigentum darstellen könnten, unangetastet bleiben”, wiederholte Hönicke Anfang der Woche das Versprechen der Grundstückseigentümer Das bereits ein vollständiger Wohnwagen den Abrissarbeiten der Arbeiter vor Ort am Wochenende zum Opfer fiel, spricht indes nicht unbedingt für diese versprochene Sorgfalt bei den Räumarbeiten.

Datum 8. Februar 2021, Text: Stefan Bartylla, Bild: Stefan Bartylla