Verborgenes Berlin: Angst vorm Kometen

Auf unserer heutigen Entdeckungsreise zu Berlins verborgenen Perlen geht es für uns auf den Luisenstädtischen Friedhof.

Abseits der Menschenmassen und allseits bekannten „Dauerbrenner“ hält Berlin inmitten seines pulsierenden Herzens und in den Weiten seiner Randbezirke beeindruckende historische Schätze bereit. Genau diesen folgen wir in unsere neuen Serie “Verborgenes Berlin” nach Anleitung der Autoren Tom Wolf, Manuel Roy & Roberto Sassi.

Diesmal geht es auf den Luisenstädtischen Friedhof. Er wurde 1831 auf einem unrentablen Weinberg angelegt und ist mit 90.998 Quadratmetern der größte von den insgesamt vier Friedhöfen an der Bergmannstraße. Er enthält teilweise aufwendige Erbbegräbnisstätten bedeutender Berliner Persönlichkeiten.

Ein ganz besonderes Grabmal ist das des Wäschereibesitzers Erwin Reibedanz (1878 bis 1919). In seiner Gestalt eines aus dem Boden emporsteigenden Kometen, der ein Kreuz umstößt, ist es wohl eines der ungewöhnlichsten seiner Art in ganz Berlin. Gefertigt ist die expressionistische Stele – eine gezackte Kugel, die einen rechteckigen Strahlenschweif hinter sich herzieht – aus Muschelkalk. Das heute eher glanzlose Grabmal leuchtete einst in vielen Farben: Der Sockel und das Kreuz waren in dunklem Blaugrau, der untere Teil des Schweifs in lebendigem Blau gestrichen, während der Stern und die Strahlenreliefs golden glänzten. Seit seiner Enthüllung rief das Werk starke Proteste hervor, die sich nicht zuletzt gegen diese Farbkakofonie richteten.

Wenn der Komet erscheint

Wahrscheinlich spielt es auf den Halleyschen Kometen an, der im April 1910 mit seinem Vorbeiflug die Welt in Atem hielt. Den Grabobelisken für Reibedanz, der sich im Umfeld der avantgardistischsten Architekten seiner Zeit bewegte, entwarf Max Taut, einer der Pioniere der expressionistischen Architektur und Bruder von Bruno Taut, dem berühmten Vertreter der klassischen Moderne. Der Halleysche Komet – Leitmotiv der expressionistischen Weltsicht – hatte bei vielen Menschen seinerzeit die Angst vor einer Vernichtung jeden Lebens auf der Erde durch eine giftige Gaswolke hervorgerufen. So betrachtet, feiert das Grabmal außerdem den Sturz der Religion durch das Erscheinen des Kometen.

Zwei besondere Reliefs

Im hinteren Teil des Luisenstädtischen Friedhofs befindet sich an der Südwand entlang der Züllichauer Straße die Grabstätte der Familie Biedermann. Auch wenn dieser Ort sicher bereits bessere Zeiten gekannt hat, gehört er doch zu den schönsten des Friedhofs. Die alkovenartige Form des Grabs mit verzinktem Gewölbedach ist innen mit Mauerwerk und massiven Steinblöcken (Sandstein und Muschelkalk) ausgekleidet. Neben der Öffnung sind zu beiden Seiten Reliefs abgebildet, die einen sich wehrenden Mann und eine trauernde Frau zeigen.

Sie können als Allegorien von Morgen und Abend verstanden werden. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man jedoch, verborgen hinter üppig wachsendem Efeu, den wahren Grund für die Erregung der männlichen Figur: Auf ihrer rechten Schulter windet sich der Körper eines Reptils. Der Kopf des Tiers, der wohl Opfer von Vandalismus wurde, ist auf früheren Fotografien deutlich zu erkennen. Möglicherweise ist hier Adam dargestellt, der mit der Schlange der Versuchung ringt.

Griechische Inschrift

Im Inneren des Alkovens erhebt sich ein prachtvolles Goldgrundmosaik, das einen lieblichen Garten mit einem Springbrunnen zeigt, der zwei Tauben als Tränke dient. Es handelt sich hierbei um eine Darstellung des wiedergefundenen Paradieses mit dem Jungbrunnen, an dem die reinen Herzen (die Tauben) des Jenseits ihren Durst stillen. Das Mosaik beinhaltet zudem eine griechische Inschrift, die einen Vers des Dichters Menandros aus dem 4. Jahrhundert zitiert: „Wen die Götter lieben, der stirbt jung.“ Dieses Zitat verweist aller Wahrscheinlichkeit nach auf Liza Biedermann, die 1901 im zarten Alter von gerade einmal 20 Jahren verstarb. Ihr ebenso junger Freund Willi Knüpfer erschoss sich wenige Tage später.

Verborgenes Berlin
Jonglez Verlag
464 Seiten
19,95 Euro
www.jonglezverlag.com