Mehr Homeoffice gegen Corona: Michael Müller fordert, was seine Ämter nicht liefern

Homeoffice dort, wo es geht: So lautet die neue Parole im Kampf gegen Corona: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) fordert die Wirtschaft auf, mehr Verantwortung zu übernehmen. Ein Anspruch, den die Berliner Verwaltungen nur zu geringen Teilen erfüllen.

Immer mehr Politiker fordern die Wirtschaft auf, Arbeit überall dort, wo es geht, ins Virtuelle zu verlagern, um so Hotspots der Pandemie zu verhindern. Mit besonders deutlichen Worten machte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) auf sich aufmerksam.

Nach Müllers Auffassung müssten die Firmen mehr Verantwortung zeigen und ihre Beschäftigten konsequent ins Homeoffice schicken. Die Unternehmen dürften nicht weiter so tun, „als hätten wir kein Problem“. Firmen und Wirtschaftsverbände weisen diese Kritik zurück. Wo es möglich ist, würde man bereits Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten lassen, heißt es von der Berliner IHK. Laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom arbeitet seit Dezember 2020 bundesweit jeder vierte Berufstätige ausschließlich im Homeoffice.

Nur geringe Homeoffice-Quoten in Verwaltungen

Müller hat aber noch ein ganz anderes Problem: In großen Teilen der Berliner Verwaltung ist Homeoffice mehr Wunsch als Realität. Mit anderen Worten: Der Senatschef stellt Forderungen an die Wirtschaft, die er in seinem eigenen Laden kaum erfüllt. Allen voran sind es die Bezirksämter, die mit Homeoffice-Quoten von durchschnittlich zehn Prozent weit unter den Ansprüchen agieren, die dem Regierenden Bürgermeister für die Umsetzung in den Betrieben der freien Wirtschaft vorschweben dürften.

Ein Beispiel ist das Bezirksamt Mitte: Derzeit sind von den rund 2.550 Beschäftigten gerade mal 285 Mitarbeiter mit einem festen Telearbeitsplatz oder mit Laptops für ein mobiles Arbeiten ausgestattet. Besser sieht es in Reinickendorf aus. Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) rechnet auf Anfrage des „Berliner Abendblattes“ vor, dass momentan etwa 450 der 1.700 Mitarbeiter im Homeoffice tätig seien. In den Büros selbst suche man nach flexiblen Arbeitszeitlösungen, damit pro Raum nur eine Person anwesend sei, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Wegen Corona noch viel Präsenz in den Büros 

Mit einer Homeoffice-Quote von rund 25 Prozent liege Reinickendorf weit über dem Landesdurchschnitt, so Balzer. Er benennt aber auch die Grenzen dieses Modells: „In den Bezirksämtern muss trotz Corona wenigstens die Hälfte der Belegschaft präsent bleiben, um alle Aufgaben mit unmittelbarem Kundenkontakt, wie etwa bei den Bürgerdiensten, den Sozialen Diensten, der Jugendhilfe, im Standesamt, der Stadtplanung und dem Ordnungsamt, weiterhin zu erfüllen. Hinzu kommen derzeit die besonderen pandemiebedingten Herausforderungen an die Beschäftigten im Gesundheitsamt und in unserem Corona-Lagezentrum.“

Immerhin: Dieser Tage werden 5.000 neue Laptops an die Berliner Behörden verteilt, mit denen die Einrichtung von Heimarbeitsplätzen ermöglicht werden sollen. Die Anschaffung dieser Geräte geschah aber nicht aufgrund der aktuellen Corona-Erfordernisse, sondern ist vielmehr Teil einer generellen Strategie des Senats. Diese war vor der Corona-Pandemie beschlossen und sieht vor, in den kommenden fünf Jahren alle dafür geeigneten Arbeitsplätze der Berliner Verwaltungen auf mobile Endgeräte umzustellen.

FDP hat Zweifel an digitalen Möglichkeiten

Allein mit der Anschaffung der Technik wird es aber für eine zeitnahe Lösung in Sachen Homeoffice nicht getan sein. Der IT-Experte der Berliner FDP-Fraktion, Bernd Schlömer, hat große Zweifel an der Gesamtstrategie der rot-rot-grünen Landesregierung. „Weiterhin unklar ist die Priorität der Verteilung der Geräte und wer dann die Rechner auch technisch einsatzbereit macht“, sagte er dem „Tagesspiegel“.

Datum 20. Januar 2021, Bild: imago images/Stefan Zeitz, Text: Stefan Bartylla