Streit um Berlins alte Mitte entbrannt

In dieser Woche startet ein Wettbewerb des Senats zur Umgestaltung des Marx-Engels-Forums. Der Stiftung Zukunft Berlin geht das nicht weit genug. Sie fordert ein Gesamtkonzept für das geschichtsträchtige Areal zwischen Rotem Rathaus, Marienkirche und Fernsehturm. 

Die großen Attraktionen, von der Museumsinsel bis zum Fernsehturm, sind durch mehrspurige Straßen voneinander getrennt. Das Marx-Engels-Forum wird von den meisten Berlinern nur im Vorbeifahren registriert und der Neptunbrunnen ist seit Jahren stark sanierungsbedürftig. Bislang lädt das Areal zwischen Alexanderplatz und Humboldt Forum nicht wirklich zum Verweilen ein. Das soll sich in den kommenden Jahren ändern.

Wettbewerb ausgelobt

Ein entsprechender landschaftsplanerischer Wettbewerb der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für die Neugestaltung des Rathausforums und des Marx-Engels-Forums ist in dieser Woche gestartet. Bewerber sind aufgerufen, eine „Vision des Zielzustandes 2040“ zu entwerfen, mit „konkreten Umsetzungen“ ab dem Jahr 2024. Der Wettbewerb hätte schon im August 2020 starten sollen, drohte dann aber zu scheitern und wurde jetzt mit einem Budget von 23 Millionen Euro versehen. Doch mehr noch als die holprige Terminfindung sorgen die Pläne des Senats bei der Stiftung Zukunft Berlin für reichlich Kritik. „Ein weiterer kleinteiliger Wettbewerb, mit dem Zeit und Geld verschwendet wird“, lautet ihr Urteil.

Viel ungenutztes Potenzial

Die Potenziale der vielen Erlebnisräume in Mitte würden schlichtweg nicht genutzt. Stattdessen, so die Ansicht der Stiftung, werden viele unzusammenhängende Einzelmaßnahmen durchgeführt: das Denkmal für Moses Mendelssohn etwa, die geplante und vom Bund geförderte Treppe des Flussbades, die Gestaltung des Molkenmarkts und der ebenfalls nicht unumstrittene Neubau der Mühlendammbrücke. „Der Senat drückt sich mit diesem Wettbewerb vor Entscheidungen und schafft neue Tatsachen, die den Gestaltungsspielraum für die Berliner Mitte weiter einschränken und die Ergebnisse des umfangreichen Bürgerdialogs unbeachtet lassen“, beklagen die Stiftungsmitglieder. Sie fordern erneut ein einheitliches Gesamtkonzept für das Areal rund ums Rote Rathaus und das Humboldt Forum, das in diesem Jahr die ersten Besucher empfangen soll.

Neptunbrunnen umsetzen, damit er “wirken kann”

Es gehe um nichts weniger als „den bedeutendsten Ort Berlins“, betont Stefan Richter, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Zukunft Berlin, gleich zu Beginn eines Pressegesprächs zu dem Thema. Und die aktuellen Entwicklungen am Rathaus seien der perfekte Zeitpunkt, um die Neue Mitte wirklich neu zu denken und über ihre Zukunft zu diskutieren. „Wir halten den Wettbewerb für unzusammenhängend und fordern ein Gesamtkonzept“. Auch der Architekt und Stadtplaner Urs Kohlbrenner attestiert dem Areal ein großes Potenzial, das für die Zukunft erhalten werden soll.

Zurzeit behindere der Denkmalschutz aber viele der denkbaren Veränderungen. „Wir haben hier einen zentralen Ort, den wir gestalten können. Der tatsächlich zum Ort der Demokratie werden könnte“, wie die Publizistin Lea Rosh erklärt. Verschiedene Veranstaltungen, Public Viewing oder Pflanzen, die aus der tristen Grünfläche des Marx-Engels-Forums einen Weltpark machen könnten, sind im Gespräch. Dieser solle nicht nur für Touristen, die von der Museumsinsel oder aus dem Humboldt Forum kommend, die Stadt entdecken wollen, ein Anlaufpunkt sein, sondern auch Berliner anlocken. Im Fokus der Vorschläge der Stiftung steht zudem der Neptunbrunnen. Dieser soll wieder vor das Schloss gesetzt werden, dessen Fassade er brauche, „um zu wirken“, so Rosh weiter.

Zudem soll das Verkehrskonzept an moderne Anforderungen abseits der autogerechten Stadt angepasst werden. Die Rathausstraße könnte dann zur Geschichtsmeile werden, auf der Berliner und Besucher vom Alex zum Schloss gelangen. Das Wegekonzept, so die einhellige Meinung der Stiftungsvertreter, müsse auch in andere Richtungen, etwa zum Molkenmarkt und der Museumsinsel optimiert werden. Nur so bleibe Berlins historische Mitte zukunftsfähig.

Datum: 14. Januar 2021, Text: kr, Bild: Bild: iStock/Getty Images Plus/elxeneize