Blick in die Zukunft: So (un)schön wird 2021

Zukunft

In die Zukunft blicken kann niemand, wohl aber verschiedene Prognosen abgeben. So wie Zukunftsforscher Johannes Kleske. Er erklärt, wie 2021 ablaufen könnte – und wie wir mitbestimmen können.

Es gibt nicht die eine Zukunftsvision. Nur mehrere mögliche Zukunftsszenarien. Mit ihnen beschäftigt sich Johannes Kleske. Der Berliner ist Trend- und Zukunftsforscher und der Überzeugung, dass diese möglichen Szenarien im neuen Jahr besonders interessant werden dürften. Schließlich hat das Verhalten jedes einzelnen in den kommenden Monaten einen so großen Einfluss auf die Zukunft wie sonst wohl kaum. „Die Zukunft ist gestaltbar“, glaubt der Zukunftsforscher. Ganz im Gegensatz zur Überzeugung vieler, dass die Zukunft so etwas wie ein schicksalhaftes Gefüge ist. Dem widerspricht Kleske. Geht es nach ihm, kann die Zukunft sehr wohl beeinflusst werden. Im Gespräch mit dem Berliner Abendblatt zeichnet er ein optimistisches und ein pessimistisches Bild vom Jahr 2021, wobei die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte liegen wird. Je nachdem, was die Gesellschaft daraus macht.

Das optimistische 2021

Ach, die Zukunft könnte so schön sein! Zumindest, wenn alles wie geschmiert läuft. So wie im optimistischen Zukunftsszenario, das Kleske vom Jahr 2021 zeichnet. Hierfür gilt es aber, einiges zu tun. Denn ohne rigorose Einhaltung der Hygiene-, Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen wird es dazu nicht kommen. „Außerdem muss der Impfplan und dessen Umsetzung laufen wie geschmiert“, erklärt Kleske. Wenn es hierbei keine Schwierigkeiten gibt, dann könne sich die Gesellschaft im Frühjahr mit einem Neuanfang befassen. Zwar wäre auch in diesem Szenario nicht alles rosig – etwa, weil es möglicherweise eine Welle an Insolvenzen geben könnte. Aber wenigstens hätte die Menschheit bei diesem optimistisch betrachteten Szenario die Zeit, sich um den Wiederaufbau zu kümmern und aus den Erfahrungen zu lernen. „Wenn sich der Großteil der Menschen also sehr solidarisch und gemeinschaftlich verhält, könnten wir uns schon bald an einen Neustart wagen.“

Das pessimistische 2021

Es kann laut Kleske aber genauso gut einiges schiefgehen in den kommenden Monaten. Etwa, wenn sich die Bevölkerung nicht an die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus hält. Dann werde dem Virus auch kein Einhalt geboten. Kommt es dann – wie im Worst-Case-Szenario – zu mehreren und gefährlichen Mutationen des Virus, sieht die Zukunft noch trüber aus. „In diesem Fall wären Politik und Bevölkerung quasi nur mit dem Feuerlöschen beschäftigt und könnten sich gar nicht erst um die Beantwortung der Fragen des Wiederaufbaus kümmern“, so Kleske. Ein weiterer Faktor ist die Impfung. Falls diese dann auch nicht die erhoffte Wirkung zeigt oder sie nicht ausreichend umgesetzt werden kann, könnte dies eine neue, hohe Infektionswelle verursachen. Die Schäden und die Not wären in diesem Fall noch größer.

Die goldene Mitte

Weitaus wahrscheinlicher als die optimistische oder pessimistische Zukunft ist aber der Mittelweg. „Das optimistische Szenario soll uns antreiben, Dinge zu tun, um die Zukunft positiv zu beeinflussen. Das pessimistische Szenario zeigt, welche Zukunft es auf jeden Fall zu verhindern gilt“, sagt Kleske. In den kommenden Monaten würden so viele Faktoren zusammenkommen, dass eine genaue Zukunftsvorhersage natürlich nicht möglich sei.

Doch unabhängig vom Verlauf des Jahres, gebe es doch Entwicklungen, die bereits durch Corona in Gang gesetzt beziehungsweise beschleunigt wurden und noch weitergehen werden. „Etwa im Bereich der Digitalisierung. Bisher hinkte Deutschland hier eher hinterher. 2020 aber wurden beispielsweise viele Unternehmen dazu gezwungen, Smart- und Teleworking möglich zu machen“, so Kleske. Diese Entwicklung wird laut ihm nachhaltige Veränderungen in der Arbeits- und Lebenswelt nach sich ziehen.

Eine Chance, auch dem Fachkräftemangel in einigen Bereichen entgegenzuwirken, weil sie nun nicht mehr zwingend vor Ort sein müssen. Auch die Vernetzung des Gesundheitssystems sei nun vorangetrieben worden. Ein gutes Beispiel seien auch Lieferservices. Diese seien nun auch bei den unwilligsten Restaurantbetreibern salonfähig geworden. Diese Beispiele zeigten, dass Veränderungen sehr wohl eine Chance sein können. „Viele Betriebe und Leute wurden zu neuen Wegen gezwungen. Das wirft spannende Fragen für einen Neuanfang auf. “, sagt Kleske.

Die Zukunft hat viele Chancen

Wichtig wäre, dass man aus den neuen Erfahrungen lerne, findet der Zukunftsforscher. Dabei helfe auch ein Rückblick in die Vergangenheit. „Eigentlich muss man sich fragen, ob der jetzige Lockdown kurz vor Weihnachten wirklich so kommen musste“. Seine Antwort diesbezüglich ist klar: Dieser harte Lockdown sei das Ergebnis von einer Sackgasse, in die man geraten sei, weil zu spät Maßnahmen getroffen wurden.

„Das Problem ist meiner Meinung nach, dass zu sehr in der Gegenwart gehandelt wurde, ohne Strategien für mögliche Zukunftsszenarien zurechtzulegen. Die leichten Maßnahmen der vergangenen Monate haben nicht ausgereicht“, sagt er. Für die Psyche der Menschen, ihre Gesundheit und auch für die Wirtschaft wäre es laut Kleske besser gewesen, schon früh mehrere Wochen lang einen harten Lockdown durchzuziehen als ein ständiges Hin und Her. Dafür hätte sich die Politik jedoch schon früh mögliche Handlungsstrategien für verschiedene Szenarien zurechtlegen und nicht erst im Moment handeln müssen. Kurzfristiges Denken über ein paar Wochen bringe hierbei wenig. „Meine Hoffnung ist, dass man aus diesen Fehlern nun lernt“. So oder so – ob man daraus lernt oder nicht – kann Kleske für 2021 eines Versprechen: „Die nächsten Monate werden sicherlich spannend!

Datum: 27. Dezember 2020, Text: Anna von Stefenelli, Bilder: Getty Images/ipopba; Kai Müller

Über Johannes Kleske

Kleske hat einen Master in Zukunftsforschung und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit möglichen, wahrscheinlichen und wünschenswerten Zukünften aus einer kritischen Perspektive. Seine Grundmotivation ist es, die Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen in einer zunehmend komplexen Welt zu erhöhen. Er ist einer der Gründer und Geschäftsführer von Third Wave. Dort hilft er Unternehmen und Organisationen dabei, in der digitalen Welt handlungsfähig zu werden und ihre Zukunft aktiv zu gestalten.