Kennzeichen für Fahrräder gegen Anarchie im Berliner Verkehr

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Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik will gegen die hohe Zahl von Unfällen mit Radfahrern vorgehen.

Sie rasen auf Gehwegen, ignorieren rote Ampeln und tun so, als würde es keine Vorfahrtsregeln geben: Seit einiger Zeit häufen sich Berichte über rüpelhafte Radfahrer im Berliner Straßenverkehr. Das Problem: Die Behörden haben meist Mühe, dieser Verkehrsteilnehmer, die häufig nicht nur sich, sondern auch andere gefährden, habhaft zu werden.

Polizeipräsidentin: “Radfahrer sind zunehmend aggressiv”

Das will die Berliner Polizei ändern. Polizeipräsidentin Barbara Slowik zieht eine Kennzeichnungspflicht von Fahrrädern in Erwägung. Grund seien immer mehr Unfälle mit Radfahrern und Fahrerfluchten, sagte sie der „Berliner Morgenpost“. Mit Blick auf die zunehmenden Beschwerden, die von Fußgängern übersandt würden, wäre eine Kennzeichnungspflicht für Radfahrer eine Überlegung wert, so Slowik.

Es sei – auch bei Radfahrern – eine zunehmende Aggressivität im Straßenverkehr zu beobachten, so die Polizeipräsidentin. „Über 50 Prozent der Verkehrsunfälle mit Radfahrern werden von Radfahrern selbst verursacht.“ Bei sämtlichen Verkehrsteilnehmern gehe es auch immer um die Gefährdung Schwächerer. Das heiße: Auto gegen Rad und Rad gegen Fußgänger.

CDU-Fraktion: Kennzeichen fördern Rücksichtnahme

Unterstützung für Slowiks Vorstoß kommt von der CDU. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Oliver Friederici, erklärte: „Gemeinsames Ziel muss es sein, diejenigen unter den Radlern zur Verantwortung zu ziehen, die im Straßenverkehr gegen die Regeln verstoßen oder sich aggressiv gegenüber anderen verhalten. Auf diese Weise können die Sicherheit und eine gegenseitige Rücksichtnahme im Verkehr gefördert werden. Und es werden diejenigen geschützt, die sich regelkonform durch unsere Straßen bewegen.“ Innensenator Andreas Geisel (SPD) müsse sich für eine bundesweite Regelung einsetzen. Es wäre allerdings Sache der Bundespolitik, eine Kennzeichenpflicht für Fahrräder auf den Weg zu bringen, hieß es aus der SPD-Fraktion.

Radfahrer-Lobby: “Scheindebatte über Kennzeichen für Fahrräder”

Kritisch äußern sich Radverkehrslobbyisten. Ragnhild Soerensen vom Verein „Changing Cities“ hält den Vorstoß Slowiks laut einem rbb-Bericht für eine „Scheindebatte“. Verkehrssicherheit könne durch die Einführung von Nummernschildern für Fahrräder nicht erreicht werden. Es sei wichtig, dass auch Radfahrer „die Regeln einhalten. Aber es müsse vor allem Sicherheit auf den Straßen geben.

Mit 15 toten Radfahrern in diesem Jahr gebe es in Berlin schon jetzt mehr als doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2019. Um eine Kennzeichnungspflicht einzuführen, müsse ein „riesiger Verwaltungsapparat“ aufgebaut werden. Dieses Geld könnte man besser in eine sicherere Radinfrastruktur stecken. Ähnlich äußerte sich der ADFC.

Unfälle mit Radfahrern: falsche Fahrbahn als Hauptursache

Im Jahr 2019 wurden in Berlin 147.306 Verkehrsunfälle von der Polizei aufgenommen. Das geht aus der Verkehrsunfallstatistik des Berliner Senats hervor. Als Hauptunfallursache gelten Abbiegeunfälle. In 68 Prozent der Fälle sind Autofahrer die Unfallversucher, in knapp vier Prozent Radfahrer. Insgesamt gab es 7.854 Radunfälle. Die Benutzung der falschen Fahrbahn gilt als Hauptunfallgrund.

Datum: 11. November 2020, Text: red/nm, Bild: imago images/Stefan Zeitz