Forscher Gerd Antes: “Corona-Regeln werden willkürlich ausgelegt”

Corona Lockdown Kneipen dicht

Der Mathematiker und Biometriker Gerd Antes vermisst in der Pandemiebekämpfung die wirkliche Suche nach Wissen. Antes fordert eine kompetente und fächerübergeifende Task-Force an der Seite des Kanzleramtes.

Die Pandemie hat seit einigen Wochen wieder an Fahrt aufgenommen. Die Kurve der registrierten Neu-Infektionen steigt. Die Politik reagiert mit verordneten Corona-Maßnahmen. Doch wie werden diese begründet? Gibt es dahinter belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse? Und wie vermittelt man sie der Bevölkerung? Mit diesen Fragen befasst sich der bekannte Medizinstatistiker Gerd Antes.

Herr Professor Antes, sind die gegenwärtigen politischen Maßnahmen angemessen?

Aus meiner Sicht sind sie nicht angemessen, weil sie kein ausreichendes wissenschaftliches Fundament haben. International gibt es ein Chaos von Studien, deren Ergebnisse oft nicht belastbar sind. Eine Koordination fehlt nahezu völlig. Das Überangebot an Informationen führt dazu, dass sich jeder ein anderes, ihm genehmes Ergebnis herauspicken kann. Heraus kommen große Widersprüche in den Schlussfolgerungen und Entscheidungen, in Deutschland besonders deutlich zu sehen durch den Föderalismus. Besonders dramatisch finde ich, dass man nicht nur wenig weiß, sondern auch gar nicht versucht, sich an Wissen zu orientieren. Das ist für die Bevölkerung extrem desorientierend.

“Dramatische Auswirkungen auf die Gesellschaft”

Aber könnte ein neuerlicher Lockdown nicht doch einen Effekt bringen?

Doch, wenn man mit dem Holzhammer drauf haut, ergibt sich sicher ein Effekt. Aber seit Monaten wird doch genau das kritisiert: dass nicht abgewogen wird zwischen dem Nutzen und den Risiken von Maßnahmen. Die Schließung von Geschäften, Restaurants und Sportstätten hat dramatische Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft. Hier zeigt sich wieder, dass in Deutschland eine wirklich hoch kompetente fächerübergreifende Taskforce fehlt, die ich schon im März vorgeschlagen habe. Sie müsste auch gesellschaftliche Fragen stellen, etwa die: Wo sind die Stellschrauben, an denen man drehen muss, um möglichst wenig Kollateralschäden über ökonomische und soziale Auswirkungen zu verursachen und trotzdem die Ausbreitung des Virus zu verhindern?

Könnte man solch eine Taskforce auf breiter Basis nicht jetzt noch einrichten?

Sicher könnte man das. Und man sollte es auch! Aus meiner Sicht müsste sie auf Bundesebene beim Kanzleramt angesiedelt sein, also oberhalb der Ebene der einzelnen Ministerien. Eine solche Taskforce müsste die bundesweiten Strategien erarbeiten. Mit dabei sein müssten neben Ärzten, Virologen, Epidemiologen und Methodikern auch Ökonomen, Psychologen und Experten für Risikokommunikation, um etwa das Thema Angst in der Bevölkerung, irrationale Verhaltensweisen und den Umgang mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren und Strategien zum Umgang damit zu entwickeln. Wenn die Bundeskanzlerin warnt, dass es zu Weihnachten täglich rund 19.200 neue Corona-Fälle geben könnte, müsste natürlich jemand fragen: Was bedeutet die Zahl eigentlich? Und ist es vernünftig, mit einer solchen Zahl zum Bedrohungsszenario beizutragen?

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Gerd Antes beschäftigt sich mit Medizinstatistik. Bild: WuB/Silke Werner

“Geeignete Datensammlungen fehlen”

Also kann niemand genau sagen, welche Maßnahmen etwas bringen, welchen Effekt einzelne Maßnahmen eines Lockdowns haben?

Nein, der Effekt ergibt sich aus der Komplexität der Maßnahmen. Aber leider haben wir es über Monate versäumt, mit geeigneten Datensammlungen und Studien die Grundlage zu schaffen, dass wir die heute richtigen Entscheidungen treffen. Die Pandemie werde in den Metropolen entschieden, ist zum Beispiel eine Schlagzeile des Hamburger Bürgermeisters. Zugleich sehen wir Corona-Hotspots in Berchtesgaden, Rottal-Inn und Delmenhorst. Also in der Realität passiert genau das Gegenteil.

Gibt es denn keine wissenschaftlichen Grundlagen für die Erkenntnis, wo sich das Virus am meisten verbreitet, kurz: wo der sogenannte Pandemie-Treiber ist?

Der Pandemietreiber selbst ist die größte Fehlinterpretation, die ich gerade sehe. Die behaupteten Statistiken, die darauf hinweisen, dass der größte Treiber der private Bereich ist, sind bestenfalls sehr schwach, möglicherweise sogar grob falsch. Datenqualität ist auch in geordneten Verhältnissen eine permanente Herausforderung, umso mehr unter dem gegenwärtigen Druck. Bei den Meldungen von den Ärzten über die Gesundheitsämter bis zum RKI ist das sicherlich ein Problem, zur Zuverlässigkeit habe ich noch nichts gesehen. Die Aussagen, die man daraus zieht, sind also mit äußerster Vorsicht zu genießen.

“Fundamentaler Fehler in der Datenauswertung”

Es lässt sich also nicht beweisen, dass sich bei Familienfeiern und privaten Treffen die meisten Menschen anstecken?

Beweisen schon gar nicht, allenfalls durch Daten belegen. Die Aussage, alles passiere über Cluster und sogenannte Superspreading-Ereignisse, ist vermutlich irrig, weil man immer nur nachträglich auf solche identifizierten Cluster schauen kann. Aber das ist ein fundamentaler Fehler in der Datenauswertung: nachträglich auf etwas zu schauen und daraus absolute Wahrheiten zu konstruieren. Während man nämlich auf bestimmte Orte schaut, findet zur gleichen Zeit ein großer Teil der Infektionen über sogenannte sporadische Übertragungen statt. Und wir haben nicht die geringste Idee, wie viel tatsächlich bei Festen, in Bars, in Restaurants, in der Bahn oder anderswo passiert.

Sie sagten einmal: Man hätte in dieser Pandemie von Anfang an begleitende Studien auflegen und Zahlen systematisch erfassen sollen. Wie hätte das geschehen sollen?

Zum Beispiel hätte man per Auftrag wissenschaftliche Teams den Gesundheitsämtern zur Seite stellen sollen, um dort zu sehen: Was wird eigentlich übermittelt? Was wird erfasst? Welche Daten brauchen wir ganz konkret bei dieser Pandemie, um zu verstehen, was passiert? Dabei geht es nicht nur um kontrollierte Studien, sondern um notwendige Daten und geeignete Studien. Bei einer solchen wissenschaftlichen Begleitung müsste man etwa Epidemiologen, Infektionsepidemiologen und andere Methodiker beteiligen. Ich sehe aber, dass die Gesundheitsämter dabei weitgehend alleingelassen werden.

Corona-Regeln: “In der Praxis herrscht Chaos.”

Auf welche Sicherheit kann man denn zurzeit wirklich bauen, was belastbare Daten betrifft?

Am einfachsten ist es mit der Abstandsregel: Wer allein auf der Mitte eines Ackers steht, kann nicht angesteckt werden. Dafür brauche ich keine Daten. Also: Je größer der Abstand, desto sicherer. Auch zu den Alltagsmasken gibt es inzwischen – wenn man alle Argumente und Studien zusammenzählt – in der Summe eine klare Aussage: Wenn sich zwei Menschen begegnen und beide die Maske vorschriftsmäßig tragen, dann ist das ein erheblicher Schutz, und zwar in beide Richtungen. Hier gibt es eine klare Evidenz. In der Praxis jedoch herrscht Chaos. Die Regeln werden völlig willkürlich ausgelegt.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung der Berliner Zeitung. Das gesamte Interview mit Gerd Antes lesen Sie hier.

Datum: 5. November 2020, Text: Torsten Harmsen, Bild: imago images/Bildgehege