BER-Eröffnung: Airport zwischen Abflug und Pleite

Ruhe vor dem "Sturm" auf dem BER

Mit Schulden in Millionenhöhe im Gepäck und mitten in der Corona-Krise: Einen schlechteren Zeitpunkt für den Start des BER hätte es kaum geben können.

Vielleicht hat Anton Hofreiter beim Interview mit dem rbb-Inforadio zur Eröffnung des neuen Hauptstadt-Flughafens doch ein wenig zu hoch ins Regal gegriffen: Da nahm doch der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag am zurückliegenden Mittwoch tatsächlich den bösen Begriff von der „verschleppten Insolvenz“ in den Mund. Ein Straftatbestand immerhin, der für den Geschäftsführer einer Firma je nach Schwere und Vorsatz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden kann.

Weiteres Darlehen

Es spricht nicht unbedingt für den Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ – so sein offizieller Name – wenn nicht mal seine Eröffnung nach 14 Jahren Bauzeit (!) für ein wenig Premierenstimmung sorgt. Statt sich über die sachlich-großzügige Architektur, die weitläufigen Ladenpassagen oder den direkten S-Bahn-Anschluss zu freuen, dreht sich alles ums liebe Geld.

Geld, dass uns Steuerzahler der BER auch in den kommenden Jahren kosten wird. Sind es in diesem Jahr bereits 300 Millionen Euro, mit dem die Eigentümer der Flughafengesellschaft (FBB) – Berlin, Brandenburg und der Bund – das Unternehmen unterstützen, haben sie für kommendes Jahr schon das nächste Darlehen von rund 550 Millionen Euro zugesagt. Kein Wunder, dass nicht nur Hofreiter den BER in „großen ökonomischen Schwierigkeiten“ sieht.

Airlines reduzieren

Doch während der Grünen-Politiker überzeugt davon ist, „dass der Flughafen entschuldet werden muss“, wird Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auch angesichts der Corona-Krise nicht müde, für die Akzeptanz von weiterer staatlicher Hilfe für den Airport zu werben.

Die Politik müsse jetzt Lösungen anbieten, sagte Scheuer in einem Gespräch mit dem rbb-Inforadio. Diese seien mit Nothilfen verbunden – auch für den BER. Das werde er bei dem nationalen Luftverkehrsgipfel am 6. November auf die Tagesordnung setzen.

Der Minister sagte zu, sich für mehr internationale Flüge am BER einzusetzen. Er sei mit Airlines in Kontakt, sehe aber derzeit noch kein Licht am Ende des Tunnels, weil die Fluggesellschaften ihre Verbindungen momentan eher reduzieren. „Aber Berlin ist unsere Hauptstadt, Berlin muss ein Drehkreuz sein“, erklärte Scheuer.

Unter Vorjahreswert

Des Ministers Drehkreuzpläne für die deutsche Hauptstadt scheinen nach den jüngsten Ankündigungen der Lufthansa sowieso erst einmal obsolet. Aufgrund der Pandemie werde das Unternehmen, das sich unlängst noch als neuer Platzhirsch am BER feiern ließ, 125 Flugzeuge, die eigentlich im Winterhalbjahr abheben sollten, erneut stilllegen.

Mit steigenden Infektionszahlen in Europa und Amerika, die zu Reisebeschränkungen und Quarantänepflicht führen, würde, so der Lufthansa-Vorstand, die Nachfrage wieder einbrechen. Er schätzt, dass die Passagierzahl mehr als 80 Prozent unter dem Vorjahreswert bleiben werde.

Ernüchternde Zahlen

Kein Wunder, dass Berlins Airportchef Engelbert Lütke Daldrup jüngst einräumen musste, dass die wirtschaftliche Lage des BER „dramatisch“ sei. Auch ohne Corona-Krise bezifferte die Flughafengesellschaft den Förderbedarf auf rund 792 Millionen bis 2024. Aufgrund der Pandemie fielen die Umsatzerlöse zwischen 250 und 470 Millionen Euro geringer aus, schreibt das Wochenblatt „Die Zeit“.

Dort äußerte sich auch Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sein Eröffnungsfazit ist ernüchternd: „Corona ist für den BER eine Katastrophe. Die Idee, mit dem Flughafen schnell Geld verdienen zu können, mussten sich die Betreiber abschminken.“

Datum: 29. Oktober 2020, Text: Manfred Wolf, Foto: imago images/Jürgen Heinrich