Berlin-Köpenick: Proteste gegen Pläne in Wendenschloß

Tausende neue Nachbarn ziehen in Zukunft in den Köpenicker Ortsteil.

Seit 33 Jahren wohnt llse Henicke in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im Kietzer Feld. 85 Jahre alt ist die ehemalige Architektin, die seit ihrer Pensionierung in der nahe gelegenen Seniorenfreizeitstätte „Haus der Begegnung“ an der Wendenschloßstraße unzählige Veranstaltungen mit organisiert hat. Busreisen, Konzerte und Tanzabende gehörten dazu. „Hier wohnen eine Menge alter Leute, so wie ich. Uns gefällt es hier ganz gut. Wer hier rausschaut, blickt auf Bäume, Sträucher und Blumen in den schönen Innenhöfen“, erklärt die Seniorin, die während des Corona-Lockdowns auf ihre geliebten Ausflüge verzichten musste. Allein in ihrer Wohnung überkommt die Witwe oft die Schwermut. In solchen Momenten helfen ihr die Erinnerungen, die sie mit den Bildern aus dem Fotoalbum auffrischt. Und auch der Blick über den weitläufigen Innenhof, bei dessen Begrünung sie selbst in den vergangenen 30 Jahren geholfen hat, macht ihr dann wieder Mut.

Furcht vor der bevorstehenden Enge

Doch gerade mit diesem Idyll soll bald Schluss sein. In der Siedlung am Kietzer Feld plant die Wohnungsbaugesellschaft degewo eine sogenannte Verdichtung. Und dafür sollen Bäume fallen und Sträucher entfernt werden. „Klar, Berlin und auch der Bezirk brauchen mehr Wohnungen. Aber das muss doch alles seine Grenzen haben“, sagt Ilse Henicke, die den bevorstehenden Baumaßnahmen und dem Zuzug im gesamten Ortsteil mit Sorge entgegensieht.

Und auch keiner ihrer Nachbarn mag sich ausmalen, wie es sein wird, wenn in den kommenden Jahren noch die neuen Wohnkieze im Marienhain mit 1.100 Wohnungen und auf dem Gelände des ehemaligen Funkwerks mit 750 Wohnungen fertiggestellt sein werden. Zumindest bei den Nachverdichtungen mit den 450 neuen Wohnungen im Kietzer Feld wollen die Bewohner ihr Veto einlegen. „Im Oktober 2019 hat die degewo ihre Pläne zur Verdichtung bekannt gegeben. Seitdem wehren wir uns dagegen“, erklärt Susanne Willems, die seit 25 Jahren in Wendenschloß lebt. Sie ist Teil der Bürgerinitiative, die gegen die degewo-Planungen protestiert.

Ein Band von 14 Fünfgeschossern soll nach den Vorstellungen der Wohnungsbaugesellschaft in den jetzt noch grünen Innenhöfen der Siedlung gebaut werden. Echte Erfolge hat die Bürgerinitiative bisher nicht erzielen können. Die Abstriche bei den Planungen zu den Dachgeschossaufstockungen im Gebiet habe die degewo wohl aus finanzieller Sicht eingestellt, räumt Susanne Willems ein. Und für einen weiteren Projektteil konnte die Wohnungsbaugesellschaft der benachbarten Wohnungsbaugenossenschaft den notwendigen Grundstücksteil nicht abkaufen.

„Jetzt geht es einfach darum, das Ausmaß der noch vorhandenen Planungen zu minimieren oder zu verhindern“, sagt Willems. Sie schlägt ein Moratorium vor. In einer selbst auferlegten Bedenkzeit sollten andere architektonische Ideen entwickelt werden. „Mit all den riesigen Projekten hier in Wendenschloß, ist das nicht die Ortsteilerschließung, die sich die Nachbarn vorstellen“, erläutert sie und führt den drohenden Verkehrskollaps im Gebiet, die fehlende verkehrliche Erschließung zu den neu entwickelten Grundstücken, die bald mangelhafte ärztliche Versorgung und die wenigen Schul- und Kitaplätze im Ortsteil an. „Wir brauchen mindestens eine ernstzunehmende Verkehrsuntersuchung“, erläutert Susanne Willems.

Kein Vertrauen in die Pläne

Die Zahlen der degewo aus dem Jahr 2015 zweifeln die Nachbarn an: „Zusätzlicher Verkehr könne über die Straße Grüne Trift abgewickelt werden“, heißt es dort. „Die Straße ist gerade mal sechs Meter breit“, kritisiert Susanne Willems diese Empfehlung. Ein nächster Treff mit Vertretern der degewo ist laut der Bürgerinitiative für Anfang November in Planung.

Datum: 24. Oktober 2020, Text: Stefan Bartylla, Bild:  André R. Zwadlo