Corona-Vorschriften in Berlin: Neuer Tiefschlag für eine Branche in Not

Die Einführung der Sperrstunde ist die härteste Prüfung in der Geschichte der Berliner Gastronomie. Wie blicken Wirte und Hoteliers auf die Krise?

Das Berliner Nachtleben hat Pause. Seit dem 9. Oktober gilt in der Partystadt die Sperrstunde. In der Zeit zwischen 23 und 6 Uhr müssen Bars, Restaurants, Kneipen, Imbisse und Spätis aber auch Billard-Salons und Bowlingbahnen schließen. Während der Corona-Lockdown im Frühjahr schon riesige Löcher in die Kassen der Gastronomen gerissen hatte, trat auch mit der Wiedereröffnung der Kneipen, Restaurants und Hotels Anfang Juni keine wirkliche wirtschaftliche Erholung ein.

Eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) aus dem September belegt: 73,6 Prozent der Gastronomen fährt derzeit Umsatzverluste in Höhe von durchschnittlich 46,3 Prozent ein. Die Lage der Tagungs- und Stadthotels, der Eventcaterer und Clubs ist so dramatisch, dass der Großteil der Unternehmen um die wirtschaftliche Existenz bangt. Die neuen Senatsbestimmungen mit Versammlungsverboten und Schließungsvorgaben verschärfen diese Gefahr zum aktuellen Zeitpunkt um ein gewaltiges Maß.

Bristol Berlin Hotel: Nobelherberge in schwierigen Zeiten

Stefan Athmann, General Manager   des Bristol Berlin Hotel: "Wir erwarten massive Umsatzeinbrüche"

Stefan Athmann, General Manager des Bristol Berlin Hotel: “Wir erwarten massive Umsatzeinbrüche.”

Die fehlende Kontrolle in der jüngsten Vergangenheit kritisiert auch Stefan Athmann, Generalmanager des Bristol Berlin Hotels am Kurfürstendamm (ehemals Kempinski). „Für mich bleibt das unverständlich“, sagt der Manager. Vor der ersten Lockdown-Phase wurde anfangs alles gecheckt: Tischabstände, Gästeliste, Hygienekonzept. „Seitdem haben wir hier niemanden mehr gesehen, der das kontrolliert hat. Und ich nehme an, dass auch in anderen Restaurants, Kneipen und Bars ähnlich verfahren wurde“, so Athmann, der einen ganz besonderen Wunsch zur Einhaltung der Sperrstunde und des Versammlungsgebotes an Ordnungsamt und Polizei richtet.

„Bitte macht nicht nur Vorschriften, sondern kontrolliert sie auch. Wir leben in einer Situation, in der das Ordnungsamt sich konsequenter um die Einhaltung der Corona-Auflagen kümmern müsste, anstatt Falschparker aufzuschreiben“, so Athmann, der mit der Einführung der Sperrstunde weitere massive Umsatzeinbrüche befürchtet. „Wir sind ja auch von den Angeboten der Gastronomen hier im Umfeld abhängig. Im Bristol wohnen die Leute, die am Ku’damm ausgehen wollen“, so Athmann, der die Unterstützung aller Gastronomen bei der Ausgestaltung von Außenflächen mit Vorzelten und Heizpilzen befürwortet.

Restaurant Lolawashere: Zwei Drittel der Plätze fallen weg

Evelyn und Julia Csabai vom Restaurant Lolawashere

Evelyn und Julia Csabai vom Restaurant Lolawashere in Prenzlauer Berg: “Neuerdings gibt es hier sogar richtige Lauf-und-Sauf-Partys im Kiez.”

„Wir haben den zurückliegenden Lockdown wirtschaftlich gerade so geschafft“, erklärt Julia Csabai, die mit ihrer Schwester Evelin seit sechs Jahren das kleine Restaurant „Lolawashere“ am Arminplatz in Prenzlauer Berg betreibt. „Jetzt, wo es kalt wird und man nicht mehr draußen sitzen kann, werden uns nur noch ein Drittel unserer Sitzplätze zur Verfügung stehen“, erläutert sie ihre Befürchtungen für die nächsten Wochen, in denen auch Veranstaltungen und Cateringaufträge wegfallen werden.

Von der aktuellen Sperrstundenregelung hält sie nicht viel. „Es bleibt doch immer noch einfach, bis 23 Uhr Unmengen von Alkohol zu kaufen, damit den Rucksack vollzustopfen und ihn dann im Park zu konsumieren“, erklärt Julia Csabai. Neuerdings hätten sich sogar so richtige Lauf-und-Sauf-Partys entwickelt: Gruppenspaziergänge mit Ghetto-Blaster und Alkohol, die über die Gehwege im Kiez führen würden. „Es ist doch eh unmöglich, das alles zu kontrollieren“, sagt sie. Für ihr Restaurant mit den ungarischen Spezialitäten habe sie die Öffnungszeiten nun bis 18 Uhr beschränkt. „Da kommen wir gar nicht erst mit der Sperrstundenregelung in Konflikt“, so Julia Csabai.

Estrel Berlin: Fast alle Buchungen wurden storniert

Ute Jacobs, Managerin des Estrel Hotels und dem zugehörigen Congress Center

Ute Jacobs, Managerin des Estrel Berlin in Neukölln: “Dem Senat liegen viele gut durchdachte Vorschläge vor – bislang ohne jegliche Resonanz.”

„Die neuen Einschränkungen sind aus unserer Sicht nicht zielführend“, sagt Ute Jacobs, Direktorin des Estrel Berlin an der Neuköllner Sonnenallee. Nur wenige Gäste gibt es in dem Hotel und Congress-Center derzeit. Riesige Lücken klaffen im Buchungskalender. „Als Neukölln zum Risikogebiet erklärt wurde, wurden von einer auf die andere Minute fast alle Zimmer- und Veranstaltungsbuchungen bis Jahresende storniert“, erklärt die Managerin.

Die neuen Bestimmungen würden für die Berliner Hotels, Gastronomen und Veranstalter genau den Shutdown bedeuten, der eigentlich vermieden werden sollte. „Die Personen, die sich in den vergangenen Wochen unvorsichtig verhalten haben, wird man durch die neuen Einschränkungen nicht erreichen. Stattdessen gibt es einen riesigen Kollateralschaden für die Hotellerie und für die Veranstaltungswirtschaft, die sich zum größten Teil mit umfassenden Hygienekonzepten vorbildlich aufgestellt haben“, erläutert sie ihren Zweifel am Sinn der neuen Maßnahmen. Sie habe schon vor Wochen angeregt, innovative technische Lösungen zu prüfen, um das Virus einzudämmen.

Estrel-Chefin wartet auf Antworten

„Es gibt unterschiedliche Anbieter für Luftreinigungsgeräte, die die Aerosole in Räumen neutralisieren sollen. Wir haben den Senat gebeten, diese Angebote zu überprüfen, damit auch in der kalten Jahreszeit Restaurantbesuche möglich sind und Tagungen stattfinden können“, erläutert Ute Jacobs. Auf diese Vorschläge habe man bis heute noch nicht einmal eine Antwort erhalten. Auch Maßnahmen wie der Einsatz von Kameras zur biometrischen Fiebererkennung, Safetags zur Kontrolle von Abständen, die Einführung digitalisierter Adressaufnahme statt reiner „Zettelwirtschaft“ blieben bislang resonanzlos.

„Für solche schützenden Maßnahmen benötigt man Geld. Jedoch hat unsere Branche außer Kreditangeboten noch keinerlei finanzielle Unterstützung bekommen“, so Jacobs, die zugleich Vorschläge auch für die Kurzarbeiterregelungen in der Gastronomiebranche anregt. „Wir können leider auch bei unrentabler Auslastung nicht einfach schließen und müssen viele Mitarbeiter in der Buchhaltung, der Haustechnik und Objektbewachung in einer Phase beschäftigen, in der kaum Einnahmen generiert werden.“ Daher sollten Bestimmungen für Kurzarbeitergeld für ihre Branche speziell angepasst werden. Dem Senat lägen viele gut durchdachte Vorschläge dazu vor, jedoch habe es bislang keinerlei Resonanz dazu gegeben.

Cocktailbar Posh: Wirtschaftlicher Albtraum wird Realität

Michel Szpanelewski von der Posh-Bar am Potsdamer Platz

Michel Szpanelewski von der Posh-Bar am Potsdamer Platz: Wir haben keine Reserven mehr.”

Auch für Barkeeper und Geschäftsführer Michel Szpanelewski, dem Besitzer und Barkeeper der Posh-Bar am Potsdamer Platz,ist der wirtschaftliche Albtraum nun Realität. „Am vergangenen Samstag war die Bar sehr gut besucht und wir hätten um halb elf locker noch zwei drei Stunden Drinks ausschenken können. Da mussten wir aber schon den Feierabend ausrufen“, erzählt er. Die Bar im Rücken des Hotels Grand Hyatt gibt es seit mehr als 20 Jahren. Ob Michel sie im kommenden Jahr fortführen kann, ist ungewiss.

„Nach dem Lockdown habe ich keinen finanziellen Puffer mehr. Die neuen Regelungen sind wirtschaftlich eine Katastrophe. Die bevorstehende Weihnachtssaison ist eigentlich jetzt schon im Eimer. Gerade mal zehn Prozent des üblichen Umsatzes haben wir am vergangenen Samstagabend erzielt. Das wird so nicht reichen“, erklärt er. „Wenn sich alle Leute so an die Vorgaben der vergangenen Monaten gehalten hätten, wie wir das hier in der Bar tun, dann gäbe es dieses aktuelle Problem nicht“, sucht Szpanelewski nach Gründen für die aktuelle Misere und erinnert an die Feierkultur in Parks und auf öffentlichen Plätzen der vergangenen Sommermonate.

Bowling Bahn US Bowl: “Sperrstunde ist der größte Schwachsinn”

 

Oliver Krüger, Chef der US-Bowl- Bowlingbahn in Weißensee: “Wenn ich zu den Weihnachtsfeiern um 23 Uhr schließen soll, sehe ich schwarz für mein Geschäft”

“Am Wochenende kann es bei uns auch mal zwei oder drei Uhr nachts werden. Jetzt, wollten wir eigentlich mit der Wintersaison durchstarten. wir brauchen die Umsätze der kommenden Wochen”, sagt Oliver Krüger von der Weißenseer Bowling-Bahn “US-Bowl” in der Weißenseer Roelckestraße, die er bereits seit 22 Jahren betreibt. Ich mache das hier nicht seit vierzehn Tagen und übe noch, oder so. Aber so eine Krise wie diese, haben wir noch nie durchgemacht, so der Bowlingbahn-Chef. 

Zweieinhalb Monate musste er während des Lockdowns die 3.000 Quadratmeter große Halle mit den 24 Bahnen komplett geschlossen halten. “Diese Zeit hat mich 100.000 Euro gekostet. Miete, Strom, Personal und Kredite liefen ja weiter. Von der Corona-Stütze, die wir bekommen haben, habe ich einmal Miete zahlen können – das war´s”, lautet sein Fazit des vergangenen Sommers. Von der Einführung der Sperrstunde hält er gar nichts. “Diese Bestimmung ist der größter Schwachsinn. Die Ansteckungsgefahr liegt doch ganz woanders – und bestimmt nicht an der Uhrzeit”, so Krüger.

Auch die Ausfallentschädigungen findet er nicht gerecht. “Wer 90 Prozent Ausfall hat, dem sollte auch entsprechend geholfen werden. Geld ist doch genug da. Meiner Meinung nach sollte sich die Regierung  das Geld für die Hilfen bei den Gewinnern der Krise holen. Amazon & Co. machen doch derzeit Riesenumsätze”, sagt Krüger, der zugibt, dass er schon ein wenig Angst vor den kommenden Monaten hat. “Normalerweise sind die Bücher um die Jahreszeit voll mit Terminen für die Feiertage im Dezember. Aktuell habe ich gerade mal zehn Prozent der Reservierungen zum Vorjahresvergleich. Wenn ich dann noch zu den  Weihnachtsfeiern um 23 Uhr schließen soll, sehe ich schwarz”, so der 49-jährige.

3.000 Euro Soforthilfe für Kneipen und Restaurants

Berliner Gastronomen, die wegen der nächtlichen Sperrstunde zur Eindämmung der Corona-Pandemie in ihrer Existenz bedroht sind, können bis zu 3000 Euro staatliche Soforthilfe erhalten. Das Geld soll als Zuschuss für Mietkosten fließen. Das hat der Senat am Donnerstag beschlossen. Adressaten sind laut Wirtschaftsverwaltung bis zu 2.500 Betriebe. Sie können den Zuschuss bei der Investitionsbank Berlin (IBB) beantragen.

Datum: 15. Oktober 2020, Text und Bilder: Stefan Bartylla