Mit Sperrstunde und Alkoholverbot gegen die Seuche

Berlin verschärft erneut die Vorschriften zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Gastronomen protestieren.

Nichts fürchten Politik und Wirtschaft so sehr wie einen zweiten Lockdown wegen Corona. Damit das öffentliche Leben nicht noch einmal weitgehend heruntergefahren werden muss, hat der Berliner Senat die Pandemie-Vorschriften am Dienstag erneut verschärft. So wurde eine nächtliche Sperrstunde beschlossen. Restaurants, Kneipen und Läden müssen zwischen 23 Uhr und 6 Uhr schließen. Ausnahmen sind für Apotheken und Tankstellen geplant, letztere dürfen nachts aber keinen Alkohol mehr verkaufen.

Nur noch zehn Gäste bei privaten Feiern erlaubt

Auch für private Feiern in geschlossenen Räumen und Treffen im Freien gelten stärkere Einschränkungen. Künftig dürfen nur noch maximal zehn statt bisher 25 Personen an Feiern teilnehmen. Im Freien dürfen nachts höchstens fünf Personen aus einem Haushalt oder aus zwei Haushalten Personen zusammen unterwegs sein.

Die Maßnahmen zielen vor allem auf private Feiern und illegale Partys, die die Behörden als Treiber des sich zuspitzenden Infektionsgeschehens sehen. Sie gelten ab Samstag, 0 Uhr, und vorerst bis zum 31. Oktober. Am Dienstag sprang auch die zweite Berliner Corona-Ampel auf Rot. Neben der Zahl an Neuinfektionen hat auch der sogenannte Reproduktionswert den Grenzwert überschritten.

Viele Bars stehen vor dem Aus

Die Brancheninitiative Bars of Berlin protestiert gegen die Sperrstunde: “Wir sind fassunglos und empfinden diesen Schritt als einen Schlag in die Magengrube – wenn nicht sogar als einen wirtschaftlichen Todesstoß”, heißt es in einer auf Facebook verbreiteten Stellungnahme. “Nach all den Monaten, in denen ein Großteil der Gastronomen ihr Bestes gegeben haben, um die Verordnungen umzusetzen und sich das Infektionsgeschehen auf privaten Zusammenkünften, Hochzeiten, dem Arbeitsplatz, illegalen Partys konzentrierte, ist dieser Schritt wie Hohn in unseren Augen.” Werden nicht zügig finanzielle Hilfen für die Gastronomie begleitend auf den Weg gebracht, stünden viele Betriebe vor dem Aus.

Bereits am Wochenende zuvor waren verschärfte Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten. In geschlossenen Räumen von Büro- und Verwaltungsgebäuden müssen Beschäftigte und Besucher einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Davon ausgenommen ist allein der eigene Arbeitsplatz. In Aufzügen müssen Mund und Nase ausnahmslos bedeckt werden.

Senatorin Kalayci ruft Berliner zum Zusammenhalt auf

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) appellierte an die Berliner, die Corona-Vorschriften ernstzunehmen: „Wir müssen und wollen einen zweiten Lockdown verhindern. Das bedeutet aber, dass wir jetzt handeln und Maßnahmen treffen müssen, die auch in der Breite wirken. Einschränkungen sind keine Strafen, sondern Regeln, die unser Zusammenleben in Berlin schützen. Wir müssen zusammenhalten, wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen. Das bedeutet, dass sich auch alle an die Regeln halten müssen.“

Kurz vor den Herbstferien wurden die Bezirke Mitte, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg von Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz zu Corona-Risikogebieten erklärt. Wer von dort in die beiden Bundesländer reist, muss zwei innerhalb von fünf Tagen erstellte, negative Corona-Testergebnisse vorweisen oder sofort in Quarantäne. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erwartet, dass „quasi ganz Deutschland ein Risikogebiet wird“. Die bestehenden Quarantäneregelungen würden bald kaum mehr Sinn haben, sagte er dem „Tagesspiegel“.

Datum: 8. Oktober 2020, Text: Nils Michaelis, Bild: imago images/Sabine Gudath