Alzheimer: Wenn Vergessen Alltag wird

Alzheimer ist eine tückische Krankheit, die nicht nur für die Erkrankten, sondern auch für deren soziales Umfeld belastend ist. 

Schuhe im Ofen oder gehortete Erbsenkonserven: Alzheimer-Patienten fällt es zunehmen schwer, den Alltag zu organisieren. Emotional belastend ist es nicht nur für die Betroffenen selbst – auch für die Angehörigen ist es schwierig, sich an die Unberechenbarkeit der Krankheit zu gewöhnen. Dass Patienten die Besuche oder Gefälligkeiten ihrer Liebsten vergessen oder sich immer wieder wiederholen, macht die Situation nicht einfacher.

„Dieser soziale Aspekt der Krankheit ist fürchterlich“, findet der Neurologe an der Berliner Charité, Dr. Péter Körtvélyessy. Streit, Vorwürfe und Verzweiflung betreffen demnach meist das gesamte Umfeld eines Erkrankten und belasten die Beziehungen. Verstärkt würden diese Probleme dadurch, dass sich Patienten ihrer Krankheit meist nicht bewusst seien.

Viele Erkrankte, aber kaum Hilfe

Das ist ein Problem. Hierzulande leben rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz (Stand 2018). Die meisten von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Jahr für Jahr treten mehr als 300.000 Neuerkrankungen auf. Bislang gibt es für Betroffene jedoch keine Hilfe. Keine bisher getestete Therapie schlägt an, schon gar nicht auf die breite Masse der Betroffenen, wie der Facharzt für Neurologie und neurologische Humangenetik an der Charité, Péter Körtvélyessy, erklärt.

Etliche Medikamenten-Kandidaten haben sich in der Erprobung mit Patienten nicht bewährt. Positive Nachrichten sind in der Alzheimer-Forschung also selten. Die letzte Zulassung für ein neues Medikament war im Jahr 2002. Seitdem sind alle Studien fehlgeschlagen. Deshalb hat die Früherkennung bei der Erkrankung eine besonders große Bedeutung. „Da man hier noch medikamentös beeinflussen kann. In den späteren Stadien kann man die exponentiell fortschreitende Erkrankung kaum noch beeinflussen“, sagt der Neurologe.

Hoffnung immer wieder zerschlagen 

Die Hoffnung auf eine Wirkstoffgruppe ist jedoch sehr groß. Es gibt eine völlig neue Klasse von Medikamenten: Jene, die auch bei seltenen Muskelschwunderkrankungen für Kinder Einsatz finden. „Damit wird versucht, Patienten mit genetischem Alzheimer sozusagen ein ‚Antigift‘ auf Genebene zu geben, um das Ausbrechen oder ein schnelles Fortschreiten der Krankheit zu verhindern“, erklärt der Arzt. Einige dieser Medikamente haben bereits das vorletzte Stadium der klinischen Erprobung (Phase II) erreicht.

„Diese Wirkstoffe sind ein interessanter Ansatz. Das Problem dabei ist jedoch, dass es nur für eine sehr kleine Gruppe von Patienten – jene mit autosomal-dominantem Alzheimer – gilt.“ Lediglich etwa ein Prozent aller Fälle ist von der sogenannten „familiären“ Alzheimer-Krankheit betroffen. Sie erkranken in der Regel sehr früh, vor dem 65. Lebensjahr daran. Bei ihnen könnte eine Früherkennung also bald schon wortwörtlich lebensrettend sein.

Derzeit gibt es jedoch noch eine zweite große Hoffnung, die auch anderen Betroffenen einen Lichtblick geben könnte: der Wirkstoff Aducanumab. Nachdem die Studien hierzu im März 2019 für gescheitert erklärt wurden, scheint der Wirkstoff nach einer neuen Datenauswertung doch nicht aus dem Rennen zu sein. „Bisher hatten wir immer wieder große Hoffnung, doch sie wurde jedes Mal zerschlagen. Nun hoffen wir auf das nächste Jahr“, sagt Dr. Körtvélyessy. Ist eine dieser Therapieformen erfolgreich, könnte das das Leben von Betroffenen nachhaltig verändern. Und damit würde auch die Früherkennung entscheidender denn je sein.

Denn eines haben die Studien auch ans Tageslicht gebracht: Die Behandlung mit allen Wirkstoffen muss sehr frühzeitig begonnen werden, um noch wirksam ins Krankheitsgeschehen eingreifen zu können. Also nicht erst, wenn die Symptome schon ausgeprägt sind. In diesem frühen Stadium hat dann auch der Lebensstil einen großen Einfluss. Gesunde Ernährung, ein rauchfreies Leben und genügend Bewegung machen oft den Unterschied – nicht nur in Bezug auf Alzheimer.

Viele hilfreiche Informationen zum Thema Alzheimer für Betroffene, Angehörige und Interessierte finden Sie online in der Alzheimer-Reihe des Berliner Abendblatts

Datum: 1. Oktober 2020, Text: Anna von Stefenelli, Bild: Getty images/Ocskaymark