Alzheimer oder normale Vergesslichkeit?

Alzheimer Vergesslichkeit

Schlüssel vergessen? Kommt vor. Doch wo hört normale Vergesslichkeit auf und wo fangen Alzheimer oder andere Demenz-Formen an? 

„Wo habe ich meinen Schlüsselbund hingelegt?“ oder „Wie spät wollten wir uns noch mal treffen?“ Vergesslichkeit ist normal, ab einem bestimmten Alter noch mehr. Nicht jeder muss sich deshalb gleich Sorgen machen, an Alzheimer oder anderen Demenz-Formen zu erkranken. „Ab einem Alter von etwa 40 Jahren klagt jeder über Gedächtnisstörungen“, erklärt der Facharzt für Neurologie und neurologische Humangenetik an der Charité, Dr. Péter Körtvélyessy.

Früherkennung, um gut vorsorgen zu können

Je höher das Alter, desto eher nehmen Gedächtnisstörungen zu. „Wenn wir eine bestimmte Anzahl von 80-Jährigen ohne konkreten Anlass testen, zeigt etwa ein Drittel aller Patienten schon alzheimer-typische Veränderungen“, erklärt der Neurologe. Aus ärztlicher Sicht sei es entscheidend, herauszufinden, ob die Ursache der Vergesslichkeit älterer Patienten eine normale Gedächtnisstörung oder eine Alzheimer-Demenz ist. Die Früherkennung könnte in Zukunft noch wichtiger werden als bisher. Nämlich dann, wenn es endlich eine erfolgreiche Therapie gibt. Doch nicht nur deshalb ist es sinnvoll, eine Alzheimer-Krankheit früh zu erkennen. So ist der Patient früher besser in der Lage, etwa seinen Lebensstil anzupassen oder rechtliche sowie soziale Vorkehrungen zu treffen.

Die Mahlzeiten werden immer einfacher

Doch was sind frühe Warnzeichen? Welche Symptome können auf eine beginnende Alzheimer-Erkrankung hinweisen? Laut Péter Körtvélyessy ist eine der allerersten Veränderungen, dass es immer schwieriger für Betroffene wird, komplizierte Gerichte zu kochen. Oder, wie der Neurologe es sagt: „Wenn Sie wissen wollen, ob jemand eine Demenz hat, dann lassen Sie ihn kochen.“ Denn der Vorgang ist für das Gehirn hochkomplex. Zuallererst muss der Kochende planen, welche Zutaten er braucht, diese einkaufen und auch während des Kochens auf das richtige Timing und die richtige Reihenfolge achten.

„Was man bei Alzheimer-Patienten deshalb wirklich immer wieder sieht, ist, dass die Gerichte einfacher werden“, sagt Körtvélyessy. Typische Gerichte seien zum Beispiel ein Schnitzel ohne alles oder Fertiggerichte. Betroffenen fällt es allgemein schwerer, sich über längere Zeit zu konzentrieren oder  vorausschauend zu planen und umzusetzen.

Schuhe im Kühlschrank und Notizen als Hilfe

Auch außergewöhnliche Abläufe im Alltag nehmen mit fortschreitender Krankheit zu. Ein Anzeichen sind Veränderungen im Kurzzeitgedächtnis mit Auswirkungen auf das tägliche Leben. Diese Form der Vergesslichkeit zeigt sich zum Beispiel im Vergessen von wichtigen Terminen. Oder dadurch, dass Betroffene ihren Alltag nur noch mit Notizen organisieren können. Die Zerstreutheit kann dann auch gefährliche Ausmaße annehmen – etwa, wenn die Demenz-Geplagten vergessen, den Herd auszuschalten.

Neben erhöhter Vergesslichkeit nehmen auch bizarrere Ereignisse im Alltag zu. So brauchen Alzheimer-Patienten für Alltägliches häufig länger, stellen ihre Schuhe in den Kühlschrank oder kaufen immer wieder dieselben Konservendosen, etwa Erbsen, ein. Alltägliche Handlungen werden plötzlich als große Herausforderung empfunden.

Das Durcheinander mit Uhrzeiten und Orten

Mit Fortschreiten der Krankheiten fällt es den Personen oft schwer, Orte oder Zeitabstände richtig einzuordnen. Betroffene vergessen zum Beispiel das Jahr und die Jahreszeit, können die Uhr nicht mehr lesen oder stehen in “ihrer” Straße und wissen nicht mehr, wo sie sind und wie sie nach Hause kommen.

Häufig gehen diese Veränderungen auch mit Stimmungsschwankungen ohne erkennbaren Grund oder plötzlichem Misstrauen, aggressivem Verhalten oder Gefühlen der Ohnmacht einher. Diese belasten dann wiederum das soziale Gefüge der Betroffenen.

Die genannten Anzeichen können einen ersten Hinweis darauf geben, ob eine Tendenz für Alzheimer oder andere Demenz-Formen bestehen. Einige Symptome können auch auf andere Krankheiten hinweisen oder nur vorübergehend auftreten. Nur ein Spezialist kann eine Diagnose stellen. Anlaufstellen finden Sie etwa hier und hier. 

Datum: 1. Oktober 2020, Text: Anna von Stefenelli, Bild: gettyimages/SIphotography