Berlin-Dahlem: Pacelliallee soll umbenannt werden

Papst Pius XII.

Eine Initiative fordert die Umbenennung der Pacelliallee. Der Namensgeber habe über Jahrzehnte antisemitische Klischees verbreitet, heißt es in der Petition.

Nach dem Eklat um die Neubenennung der Mohrenstraße bahnt sich in Berlin ein neuer Streit um einen Straßennamen an. Nun ist die Pacelliallee in Dahlem ins Visier von Kritikern geraten. Die Historiker Ralf Balke und Julien Reitzenstein haben eine Petition mit dem Ziel gestartet, die prachtvoll bebaute Allee nach der israelischen Sozialdemokratin und früheren Ministerpräsidentin Golda Meir zu benennen.

Die einstige Cecilienallee wurde 1949 nach Eugenio Pacelli (siehe Foto) benannt, der seit 1939 als Papst Pius XII. Oberhaupt der katholischen Kirche war. Sein Wirken vor allem während der Herrschaft des Nationalsozialismus aber auch danach ist unter Historikern zumindest umstritten. Balke und Reitzenstein charakterisieren ihn als „höchst problematische Persönlichkeit“. Sie verweisen darauf, dass er nicht nur durch zahlreiche antisemitische und frauenverachtende Äußerungen aufgefallen sei. Er war als Kardinalstaatssekretär auf Seiten des Vatikan auch Initiator des 1933 mit Deutschland geschlossenen Reichskonkordats, das die Beziehungen zwischen dem deutschen Staat und der katholischen Kirche regelt.

Vatikan ermöglichte Nazis die Flucht

Pacelli habe über Jahrzehnte judenfeindliche Klischees verbreitet, heißt es in der Petition. Er habe sich früh mit den Nationalsozialisten arrangiert, nach dem Krieg habe der Vatikan unter seiner Führung zahlreichen Kriegsverbrechern die Flucht nach Südamerika ermöglicht. Er sei mit dieser Geschichte „als Namensgeber einer Straße in der Hauptstadt eines neuen und demokratischen Deutschlands denkbar ungeeignet.“

Demgegenüber sei Golda Meir eine ideale Kandidatin für die Umbenennung. Immer wieder habe sie versucht, mit Verhandlungen Krieg und Gewalt zu verhindern. Als Arbeitsministerin habe sie für soziale Rechte aller Israelis – Juden wie Muslimen – gekämpft. Als Außenministerin habe sie Verständigung mit verfeindeten Staaten, aber auch mit Deutschland gesucht. Schon 1960 lud sie den Regierenden Bürgermeister Berlins, Willy Brandt, nach Israel ein.

Nur ein weiblicher Straßenname in Dahlem

Auch vor dem Hintergrund der besonderen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland hätte die Umbenennung „eine Signalwirkung und würde das eklatante Missverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Straßennamen in Berlin-Dahlem korrigieren“, schreiben Balke und Reitzenstein. Tatsächlich ist in dem Zehlendorfer Ortsteil nur eine einzige Straße nach einer Frau benannt: die Königin-Luise-Straße.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, unterstützt die Umbenennung der Pacelliallee. „Die Debatte rückt die umstrittene Rolle in den Fokus, die Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges einnahm. Er schwieg zum Holocaust und zum Mord an den Sinti und Roma, von denen viele dem katholischen Glauben angehörten, oder protestierte zumindest nicht vernehmlich“, sagte Klein der Zeitung “Welt”.

Auch Golda Meir steht in der Kritik

Doch auch Golda Meir ist nicht unumstritten. Trotz ihrer sozialdemokratischen Orientierung habe sie die Spannung zwischen Israelis und Palästinensern aktiv erhöht, schreibt der israelische Historiker Abraham Ingber in der “Berliner Zeitung”.  „Wir verzeihen den Arabern, dass sie unsere Kinder töten. Wir verzeihen ihnen nicht, dass sie uns zwingen, ihre Kinder zu töten“, soll sie gesagt haben. Und auch sonst habe sie die Opferrolle der Israelis im Nahostkonflikt betont, während sie in den ersten Jahren der Besatzung die israelischen Siedlungen im Westjordanland erweiterte.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung der Berliner Zeitung. Den Originalartikel finden Sie hier.

Datum: 20. September 2020, Text: Holger Schmale/nm, Bild: imago images/Photo 12