Berliner Nachtleben: Partypläne im Zeichen von Corona

Immer mehr junge Menschen verabreden sich an den Wochenenden in Parks sowie vor Kneipen und Bars, um ungehemmt zu feiern. Jetzt wollen Clubs und einige Bezirke coronakonforme Open-Air-Partys organisieren, um weitere Chaos-Nächte zu verhindern. Dafür sind mehrere Standorte im Gespräch.

Weil die Berliner Clubs seit Monaten geschlossen sind, suchen die Feierwilligen nach Alternativen. Regelmäßig finden illegale Partys in Parks und auf anderen öffentlichen Flächen statt. An den Wochenenden ist die Feiergemeinde unterwegs und die Berliner Polizei gefordert. In der Neuköllner Hasenheide, am Gleisdreieck, oder neuerdings sogar in der U-Bahn löste sie Zusammenkünfte auf. Große Menschenmengen feierten dicht beieinander, die wenigsten Teilnehmer trugen Schutzmasken. Neben der Gefahr massenhafter Infektionen blieben meist Müllberge und Fäkalien zurück.

Kein Wunder also, dass Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel nichts davon hält, dass großformatige Freiluftpartys zur Regel werden. „In Neukölln wird es keine Flächen für Raves in Grünanlagen geben. Es ist naiv, davon auszugehen, dass ein solches Konzept in städtischen Parks funktionieren kann“, so der SPD-Politiker. Hintergrund seiner Einlassung war die Forderung von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) gegenüber den Bezirken, öffentliche Flächen für Freiluft-Clubnächte zur Verfügung zu stellen.

Standorte gesucht

Jetzt sollen die Clubs helfen, Partys zu ermöglichen und gleichzeitig Chaosnächte zu verhindern: Dafür hat der Branchenverband „Clubcommission“ einen Aufruf zur Suche nach geeigneten Open-Air-Flächen gestartet. Ein großes Problem ist dabei die Einhaltung des Schallschutzes. „Alle Bezirke sollten nun Vorschläge zu Flächen für die Kunst- und Kulturszene auf den Tisch legen, um dezentrale Veranstaltungen zu ermöglichen, wo Sicherheitsabstände auch eingehalten werden können“, findet Katalin Gennburg, die Treptow-Köpenicker Abgeordnete der Linken. Sie bringt dafür das 23 Hektar große und derzeit brachliegende Areal des Spreeparks im Plänterwald ins Gespräch.

Andere Bezirke wie Lichtenberg und Marzahn Hellersdorf sind ebenfalls auf der Suche. Im Bezirksamt Lichtenberg hofft man, eine entsprechende Veranstaltungsreihe auf privat zur Verfügung gestellten Gelände genehmigen zu können. „Genehmigungsanfragen dazu haben wir bereits erhalten. Jetzt gilt es, die Frage nach dem Lärmschutz zu erörtern“, berichtet Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke). Vorstellbar seien Standorte wie die Trabrennbahn Karlshorst oder der große Parkplatz auf dem IKEA-Gelände an der Landsberger Allee.

Neue Wege

Auch Clara West, in der Berliner SPD-Fraktion zuständig für Clubkultur, begrüßt die Initiative des Senats und einiger Bezirke zur Organisation legaler Partynächte. „Ich finde es richtig, nach Wegen zu suchen, um auf Freiflächen unter Einhaltung der derzeitigen Abstandsregeln Angebote zu schaffen. Dies wird sicher nicht genügend Einnahmen für die Clubs generieren, aber mindestens ideell helfen, dass die Berliner Clubkultur die Krise meistern kann.“

Die Berliner Musik- und Clubszene sei eine der Branchen, die von der Coronakrise besonders betroffen ist. Es gelte nun, die Clubs wirtschaftlich zu unterstützen. Das passiere durch speziell auf die Szene zugeschnittene Wirtschaftsförderungsprogramme oder durch gewährte Mietstundungen. Neben der wirtschaftlichen Herausforderung sei es aber eine besondere Dramatik, dass es überhaupt noch nicht absehbar sei, ob, wann und wie wieder wie vorher gefeiert werden kann, so West.

Eigentlich insolvent

„Wenn wir ehrlich sind, sind wir eigentlich alle insolvent“, so beschreibt Pamela Schobeß, die Betreiberin des „Gretchens“, in einem RBB-Interview die Situation. Rücklagen, um die Ausfallzeit zu überbrücken, hätten die wenigsten Club-Betreiber. Noch scheint das gesamte Ausmaß der Krise nicht absehbar, so Schobeß. Erst mit einem Ende der Corona-Beschränkungen werde sich zeigen, wie viele Locations am Ende noch übrig bleiben.

In normalen Zeiten erwirtschaften die Clubs einen geschätzten Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Euro. Zuletzt wurden rund 9.000 Beschäftigte gezählt.

Bild: Text: Stefan Bartylla Bild: Getty Images/iStockphoto/Tomas Simkus