Berlin-Köpenick: Zwei junge Heldinnen im vollen Einsatz

Auch wenn die Geschichte kein gutes Ende nahm: Linnea und Julia zeigten bei ihrer spontanen Erste-Hilfe-Aktion Mut und Verantwortung. 

Wie wichtig ein Erste-Hilfe-Kurs sein kann, sollten Julia (16) und Linnea (17) aus Falkensee und Brieselang Mitte Juli bei ihrer Paddeltour in der Dahme-Bucht an der Großen Krampe erfahren. 

Mit einem Paddelboot wollten die beiden Mädchen an diesem Tag ab Schmöckwitz  die Dahme entlangschippern, als ihnen ein Mann an der Uferböschung auffiel. „Da liegt jemand ganz komisch im Gras“, rief Linnea ihrer Freundin zu. Schnell näherten sich die beiden Freundinnen dem Uferplatz. „Auf Zuruf kam keine Reaktion“, erklärt Julia, die auch einen Mann und eine Frau auf einem Boot gleich neben der Uferstelle entdeckten und sie um Hilfe baten.

„Die winkten aber nur ab. Wollten mit der Sache wohl nichts zu tun haben“, sagt Julia, für die schnell klar war, dass der bewusstlose Mann wohl in Lebensgefahr schwebte. Die beiden Mädchen wollten nun einen Rettungsdienst mit dem Handy anrufen. Was ihnen fehlte, war die Beschreibung des genauen Standortes. Aber selbst dabei wollte das Paar in dem Boot nicht helfen. „Wir haben nur geschluckt. Da haben wir meine Großeltern angerufen. Die kennen sich hier in der Gegend ja bestens aus und konnten helfen. Trotzdem haben wir vor lauter Verzweiflung fast geheult“, erzählt Julia.

Kurz zuvor an Schulung teilgenommen 

Glücklicherweise hatte Linnea erst drei Wochen zuvor einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert. „Ich möchte mir etwas Geld als Babysitterin verdienen. Dafür habe ich damals den Kurs belegt. Tja, und das war mein erster Einsatz mit dem neuen Wissen“, erzählt sie.

„Der Körper des Mannes war noch warm, eine Atmung konnten wir bei ihm nicht feststellen. Aber blau angelaufen war er noch nicht  – also startete ich mit den Herz-Druckmassagen. Immer 30-mal – wir zählten laut mit – und dann Mund-zu und-Beatmung“, beschreibt sie die Versuche. Klar habe sie am Anfang Hemmungen gehabt. „Ja, es kostet Überwindung so einen fremden Mann so zu behandeln. Auch hatten wir Bedenken wegen einer möglichen Corona-Ansteckung. Aber es ging hier doch um Leben und Tod“, erklärt Julia. 40 ewig lange Minuten versuchten die beiden Mädchen, den Mann ins Leben zurückzuholen. Julia hielt den Kopf des Mannes, Linnea presste seinen Brustkorb und beatmete.

Endlich kam der Notarzt

Und endlich kreiste der Hubschrauber des Rettungsdienstes über der Unglücksstelle. Der konnte aber nur am gegenüberliegenden Ufer landen. Von dort stieß das Notarztteam mit einem Ruderboot zu den beiden Mädchen und dem Verunglückten. „Das war eine ewig lange Zeit. Wir hatten bis dahin wirklich alles gegeben, um den Mann wieder zu beleben“, erklärt Julia. Zwischendurch seien auch einige Spaziergänger dazu gekommen und hätten geholfen. „Es war unglaublich anstrengend, aber wir hatten zwischendurch das Gefühl, ihn wieder zurückholen zu können“, sagt Linnea. Das Notarzt-Team setzte schnell eine Spritze und übernahm die Beatmung des Mannes. „Zu spät. Die Ärzte gaben nach einigen Versuchen auf und erklärten uns, dass nichts mehr zu machen sei“, sagt Linnea, die mit ihrer Freundin noch einige Zeit am Ort blieb.

Heilfroh, den Kurs belegt zu haben

„Eigentlich interessiere ich mich nicht für Medizin. Tiermedizin fand ich immer ganz faszinierend und Arztsendungen habe ich im Fernsehen schon immer gerne geguckt. Jetzt hat sich für mich aber gezeigt, wie wichtig ein medizinisches Grundwissen im Ernstfall und im richtigen Leben sein kann. Dieses Mal haben wir leider nicht erfolgreich helfen können – aber ich bin heilfroh, dass ich die Möglichkeiten aus dem Erste-Hilfe-Kurs überhaupt hatte“, so Linnea. Auch Freundin Julia will jetzt  einen solchen Kurs belegen. Nichts sei in solchen Momenten schrecklicher als Hilflosigkeit.

Für das Paar, das neben der Unglücksstelle ankerte und jegliche Hilfeleistung unterließ, haben die beiden Mädchen überhaupt kein Verständnis. „Die Polizei hat uns versprochen, dieser Sache nachzugehen. Das finden wir richtig“, sagt Linnea.

Großes Lob für den Einsatz der beiden Mädchen gab es schon jetzt von Dennis Passlack, dem Pressesprecher der Berliner Feuerwehr auf Anfrage des Berliner Abendblattes. „Leider sind auch uns keine weiteren Details über diesen Einsatz bekannt. Ich kann lediglich bestätigen, dass die Berliner Feuerwehr mit zahlreichen Kräften beteiligt war und dass die Person trotz der durch die Mädchen eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen nicht überlebt hat“, erklärt Passlack. In jedem Fall sei der Einsatz der Mädchen vorbildlich gewesen und habe gezeigt, wie wichtig grundlegende Kenntnisse in derart dramatischen Notfällen sein können.

Erste-Hilfe-Kurse bieten unter anderem anerkannte Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter Unfallhilfe, der Arbeiter Samariter-Bund und der Malteser-Hilfsdienst an.

Als allgemeine Empfehlung gilt: Spätestens alle zehn Jahre sollten diese Kenntnisse aufgefrischt werden.

Datum: 24. Juli 2020, Text: Stefan Bartylla, Foto: Privat