Im Hausboot zu den Wikingern

Ein Wasser-Ausflug auf der wild-romantischen Schlei

Sie ist eine echte Lady, trägt ein lindgrünes Kleid und ist der Hingucker des Hafens: „Tammy“ – ein Hausboot. 21 Quadratmeter Gemütlichkeit. Besitzerin Barbara Claußen zeigt das Wichtigste an Bord: die gemütliche Koje, Dusche und Bad, Küchenzeile. Sie erklärt die Bedienung des Boilers, des Ofens und wo die Holzvorräte lagern. Der Frischwasser-Tank fasst 300 Liter. „Am besten also nur kurz duschen und nur einmal am Tag alles abwaschen“, rät Claußen.

Neue Grenzziehung

Gepäck verstauen, Koje beziehen, Kühlschrank und Wasserkessel füllen und den ersten Kaffee im schwimmenden Zuhause auf Zeit aufbrühen. Aus dem Fenster der Kajüte geht der Blick über die Schlei nach Schleswig mit seinem allüberragenden St.-Petri-Dom.

Svend Duggen macht am Bootssteg gerade seinen Motorsegler „Happy“ fest. Er komme von der Arbeit, so der Fahrdorfer und zeigt aufs gegenüberliegende Ufer. „Ich bin Lehrer drüben an der A. P. Møller Skolen, einer dänischen Schule“, erzählt der Chemie- und Geografielehrer – und lädt spontan zu einer Bootstour ein. Duggen wuchs zweisprachig auf und zählt zu den rund 50 000 Schleswig-Holsteinern, die der dänischen Minderheit angehören.

Lange Zeit regierten dänische Könige über das Herzogtum Schleswig. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 ging es an Preußen, und erst der verlorene Erste Weltkrieg führte zur neuen Grenzziehung auf Höhe Flensburgs. Genau 100 Jahre liegt das jetzt zurück. Jahrtausende wiederum sei es her, erklärt Duggen, dass dieser eiszeitlich geprägt Meeresarm entstand.

Bester Platz

Jetzt erst einmal entspannen, die Hängematte zwischen den Terrassenpfosten einklinken und Beine und Seele in ihr baumeln lassen. Später lodern Holzscheite im Ofen. Der Blick wandert hinaus aus dem Kajütenfenster, hinter dem sich der Abendhimmel in ein orangefarbenes Postkarten-Idyll verwandelt.

Möwen zanken sich um den besten Platz auf einem Poller. Ansonsten: Stille. Ein Wecker ist unnötig. Pünktlich zum Sonnenaufgang haben sich ein paar Möwen zum Klönschnack auf „Tammys“ Dach verabredet. Zeit für ein Frühstück auf dem schmalen Heck – und, um Pläne zu schmieden.

Aktive Fischer

Ein herrlicher Radweg umrahmt die Schlei bis ins beschauliche Schleswig. Am Stadthafen, gleich hinter dem mondänen Segelverein, verkauft Fischer Jörn Ross seinen frischen Fang: Steinbutt, Aal, Flunder, Forelle und viele weitere Fischarten, die ihm auf Schlei und Ostsee in Steh- und Schleppnetze gehen. Auch die zwei erwachsenen Söhne sind dabei. „Der Beruf wird in unserer Familie seit 1736 von Vater auf Sohn weitergegeben“, erzählt Ross, ein gestandener Seemann.

Familie Ross ist, wie die übrigen acht aktiven Fischer in Schleswig, auf dem Holm zu Hause, dem ältesten, noch bestehenden Kern der Stadt. Dicht an dicht reihen sich bildschöne, historische Fischerhäuser um den zentralen Friedhof und die weiß getünchte Kapelle aus dem 19. Jahrhundert. Gestutzte Linden säumen den Platz und die Pflasterstraße. Kurze, enge Stichstraßen führen zu den Bootsstegen der Fischer, bunt behangen von Netzen, Eimern und Tauen.

Ehemalige Residenz

So vieles gibt es zu erkunden in der ehemaligen Landeshauptstadt Schleswig: die Altstadt rund um den St.-Petri-Dom, das moderne Neubauviertel Auf der Freiheit mit Schleiblick und Badestrand. Und Schleswigs Glanzstück: das perlweiße Schloss Gottorf, Landesmuseum und Zeugnis ehemaliger Fürstenresidenzen.

In diesem prunkvollen Gebäude befindet sich auch das Büro von Ute Drews. Doch ihr eigentlicher Arbeitsplatz versteckt sich ein paar Kilometer weiter südlich, am Haddebyer Noor. Seit über 30 Jahren ist sie Leiterin des Wikinger Museums Haithabu, das 2018 gemeinsam mit dem alten Grenzwall Danewerk zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde.

Älteste Wikingersiedlung

Das Museum ist reich an Artefakten: Schmuck, Münzen, ein Langschiff, Alltagsgegenstände wie Specksteinschüsseln, die vom einstigen Handel auf diesem sumpfigen Gelände zeugen. Vor über 1000 Jahren schon siedelten hier Wikinger, aber auch Slawen und Sachsen.

Wer sich vom Museum Richtung Süden aufmacht, wandelt bald auf einem tausendjährigen, schützenden Halbkreiswall, den der dänische König Blauzahn errichten ließ. Der Blick fällt auf eine Reetdach-Siedlung, die sich ans grüne Ufer des Haddebyer Noors schmiegt.

Keine drei Kilometer ist „Tammy“ vertäut. Kein Kriegsschiff, kein Handelsschiff, sondern ein Genussschiff. Höchste Zeit, zurück zu radeln und die Leinen loszumachen, dem Sonnenuntergang entgegen.

Datum: 30. Juli 2020, Text: DPA, Bild: Dörte Nohrden/dpa-ma