Der Mann ohne Feierabend

Sohn Falk erinnert an seinen Vater, Tierpark-Gründer und Heinrich Dathe


Im zweiten Teil unserer Serie zum 65. Geburtstag des Berliner Tierparks in Friedrichsfelde erzählt Falk Dathe, warum sein Vater Heinrich zu einem echten Medienstar in der DDR wurde.


Er bleibt unvergessen: Heinrich Dathe (1910-1991), der erste Direktor des Tierparks Berlin. Der Aufbau zum größten Landschaftstiergarten Europas war sein Lebenswerk. Dafür lieben ihn die Berliner bis heute. Dabei war Dathe anfangs sogar gegen den Tierpark in Friedrichsfelde, erklärt überraschend sein Sohn Falk Dathe.

Hoher Anspruch

Das Treffen mit dem 69-Jährigen findet in der Tierpark-Schule statt. Falk Dathe kennt sie gut. Die Villa wurde 1956 extra für seinen Vater samt Familie errichtet. „Dass mein Vater zunächst gegen den Tierpark war, lag daran, dass Zoos wie in Leipzig oder im Westen Berlins noch durch den Zweiten Weltkrieg zerstört waren. Mein Vater hielt deren Wiederaufbau für wichtiger“, sagt Falk Dathe. Aber der Vater änderte recht schnell seine Meinung.


Prof. Heinrich Dathe

Es ist nicht der einzige Sinneswandel des Tierpark-Gründers. Dathe war als junger Zoologe gegen die Tierhaltung in Zoos. „Doch als Assistent im Leipziger Zoo lernte mein Vater, wie wichtig die wissenschaftliche Arbeit dieser Einrichtungen ist. Und dass sie Orte sein können, wo den Besuchern nicht nur Tiere gezeigt werden, sondern auch über ihr Leben berichtet wird“, sagt der Sohn. „Mit diesem Anspruch baute er den Tierpark auf.“

Bärische Schwester

Falk Dathe sitzt im Büro der Tierpark-Schule, seinem einstigen Kinderzimmer. Erinnerungen werden wach. „Es gab hier noch eine Zwischenwand, dahinter lag das Schlafzimmer meiner Eltern.“ In ihrem Bett lag sogar ein Tierpark-Star: Malaienbärin Evi, die 1961 zur Welt kam. „Sie wuchs die ersten Monate bei uns im Haus auf, weil die Mutter sie verstoßen hatte.“

Ein Raum weiter befand sich ein Arbeitszimmer von Dathe. Seine alte Schrankwand, die dort noch steht, nutzt die Tierpark-Schule als Bibliothek. „Für meinen Vater gab es keinen Feierabend. Wenn er nicht nach den Tieren sah, arbeitete er daheim an neuen Plänen, Büchern oder Vorträgen“, sagt der Sohn. „Meine Mutter war seine Privatsekretärin.“

Gute Kollegen

Oder Dathe empfing mit seiner Frau Elisabeth prominente Gäste. „Zoologen aus der ganzen Welt trafen sich oft bei uns im Haus“, erinnert sich Falk Dathe. Wie der Frankfurter Zoo-Chef Bernhard Grzimek, dessen TV-Sendung im Westen damals so populär wie Dathes „Tierpark-Teletreff“ im DDR-Fernsehen war. „Heinz Sielmann kam, um im Tierpark einen Film über Brandenburger Trappen zu drehen.

Auch der West-Berliner Zoo-Chef Heinz-Georg Klös war oft zu Gast.“ Trotz der Konkurrenz verstand man sich. „Bei der Berliner 750-Jahr-Feier war die ehemalige Berliner Zoo-Chefin Katharina Heinroth bei uns im Tierpark Ehrengast“, sagt Falk Dathe. „Bei meinem Vater gab es keine Mauer, die trennte.“

Würdelose Trennung

Ob Zoo-Experten, Mitarbeiter oder Tierpark-Besucher: Dathe konnte die Menschen begeistern. „Er zog sie mit seinen ungeheuren Fachkenntnissen schnell in seinen Bann. Daher waren ja die Radio- und Fernsehsendungen mit ihm so beliebt“, sagt der Sohn. Anfang Dezember bekam der damals 80jährige Heinrich Dathe Post aus der Magistratskulturverwaltung.

Demnach blieben dem „Grzimek des Ostens“ drei Tage Zeit, seine Dienstgeschäfte zu übergeben, kaum drei Wochen, um seine Wohnung zu räumen. Doch dazu kam es nicht mehr. Heinrich Dathe starb am 6. Januar 1991. Die, die ihn kannten, sagten, er sei an gebrochenem Herzen gestorben. Wie der Vater war auch Sohn Falk 35 Jahre im Tierpark. „Ich war der letzte Dathe im Tierpark“, sagt er. „Meine Kinder und Enkel haben andere Ziele.“

Datum: 24. Juli 2020, Text: Norbert Klauke/red, Bild: Archiv Tierpark Berlin


Der vollständige Beitrag erschien am 3. Juli in der Berliner Zeitung.