Der selbstgebaute Tierpark

Vor gut 65 Jahren bewiesen die Berliner auch in Friedrichsfelde ungebrochenen Aufbauwillen und schufen sich ihren eigenen Tierpark.


Im ersten Teil unserer Serie zum 65. Geburtstag des Berliner Tierparks in Friedrichsfelde geht es um das Engagement Tausender Ostberliner, die ihre Freizeit für den Bau des neuen Tierparks opferten.


Er ist bei Groß und Klein beliebt: der Tierpark Berlin. Er wird jährlich von knapp 1,5 Millionen Berlinern und Touristen besucht. Mehr als 9.000 Tiere leben dort auf einer Fläche, die etwa so groß wie die Nordseeinsel Helgoland ist. In diesen Tagen wird der heute größte Landschaftszoo Europas 65 Jahre alt. Am 2. Juli 1955 wurde er eröffnet. Seine Existenz verdankt er einem verrückten Plan und vor allem dem Aufbauwillen vieler Berliner.

Ehrgeiziger Plan

Es ist Anfang der 1950er-Jahre. Die Menschen spüren noch immer die Folgen des Zweiten Weltkrieges. Trümmerlandschaften gilt es zu beseitigen. Wohnungen fehlen, müssen dringend gebaut werden. Dennoch beschließt am 27. August 1954 der Ostberliner Magistrat den ehrgeizigen Plan, trotz der vielen Nöte einen Tierpark zu bauen. Die Weisung dazu kommt von der DDR-Regierung.

„Die noch junge DDR wollte international Anerkennung finden und hatte gleichzeitig mit den Aufständen im Juni 1953 eine Krise“, sagt Zoo-Historiker Clemens Maier-Wolthausen, Autor des Buches „Die Hauptstadt der Tiere“. „Der Regierung war es ein Dorn im Auge, dass die Ost-Berliner nach West-Berlin fuhren, wenn sie einen Zoo besuchen wollten. Und zu einer richtigen Hauptstadt gehört irgendwie auch ein Zoo. Also Gründe genug, einen eigenen Tiergarten zu gründen.“

Verwilderter Schlosspark

Das Vorhaben wird schnell in die Tat umgesetzt. Ein rasch gegründetes Aufbau-Komitee benennt Heinrich Dathe (1910-1991) zum künftigen Tierpark-Direktor, der da noch Vize-Chef des Leipziger Zoos ist. Der Ort seiner baldigen Wirkungsstätte ist auch schnell gefunden: Der verwilderte Schlosspark Friedrichsfelde, der zu jenem Zeitpunkt teilweise als Trümmerlagerstätte dient. Das 160 Hektar große Areal bietet Dathe genug Fläche, um den Berliner Zoo im Westen mit seinen 35 Hektar in der Größe zu übertreffen.

Freiwillige Hilfe

Der Magistrat ruft wenige Tage nach dem Beschluss die Ost-Berliner auf, beim Tierpark-Aufbau freiwillig zu helfen. Sie lassen sich nicht lange bitten. Frauen und Männer greifen nach ihrer Arbeit zum Spaten und fahren nach Friedrichsfelde. Auch Schüler und Studenten helfen freiwillig mit. Insgesamt mehr als 100.000 Arbeitsstunden opfern Tausende Ost-Berliner von ihrer Freizeit für ihren Tierpark. Schüler sammeln 125.000 DDR-Mark als Spende. Die restlichen fünf Millionen DDR-Mark an Baukosten zahlt der Magistrat.

Exotische Tiere

Am 30. November 1954 legt Direktor Dathe vor dem Schloss Friedrichsfelde den Grundstein für den Tierpark. Dank des Arbeitseinsatzes der Berliner wird das Tierparadies bereits sieben Monate später in Anwesenheit des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck eröffnet. Stolz kann Dathe da schon etwa 400 Tiere auf einer Fläche von 60 Hektar präsentieren. Dank der sozialistischen Bruderländer wartet der Tierpark bald mit mehr exotischen Tieren als der Zoo im Westen auf.

China liefert 1957 den Alligator Mao. Vietnam schenkt ein Jahr später einen der ersten Tierpark-Stars, das Elefanten-Mädchen Kosko. Es folgen Tiger und Eisbären aus der Sowjetunion. Die Kosten übernehmen Betriebe oder Behörden. So stiftete der VEB Kältetechnik für die Eisbären, das Ministerium für Schwerindustrie finanzierte Elefanten.

35 Jahre lang leitete Professor Dathe den Tierpark, er lebte für ihn und verhalf ihm zu internationalem Ansehen, erklärt der Historiker Maier-Wolhausen. „Dathe hat den Tierpark praktisch geschaffen.“

Datum: 16. Juli 2020, Text: Norbert Klauke/Red., Bilder: Tierpark Berlin


Der vollständige Beitrag erschien am 1. Juli in der Berliner Zeitung.