Sexarbeit: Eine Branche vor dem Aus

Proteste Sexarbeit

Zum Corona Lock-Down mehren sich die politischen Forderungen nach einem endgültigem Verbot von Sex-Arbeit.

Die Lock-Down-Verordnung für das Sexgewerbe bleibt aufgrund der Corona-Gefahr bestehen. Deshalb sind Berliner Bordelle weiter geschlossen, Escort-Services verboten und der Straßenstrich geräumt. Experten warnen vor der Ansteckungsgefahr, die von den körpernahen Dienstleistungen der Branche ausgehen könnte.

Kein Verbot aus Hygienegründen

„Unverständlich“, findet Stephanie Klee, Sprecherin des Bundesverbandes sexuelle Dienstleistungen (BSD). Offiziell gemeldete Bordelle unterlägen schließlich nach dem Prostituierten-Schutz-Gesetz vielfältigen Kontrollen und hätten ihre „Zuverlässigkeit“ bereits nachgewiesen. „Wenn Tattoo-Studios und Friseursalons öffnen dürfen, gibt es eigentlich keine Hygienegründe, um offiziell gemeldete Bordelle geschlossen zu halten“, so Klee. Dass Bordelle nicht in der Lage sein sollen, die Corona-Dokumentationspflichten zu erfüllen, sei ein vorgeschobenes Argument, meint Stephanie Klee.

Sexarbeiterinnen geraten jetzt in wirtschaftliche Not

Die Verbands-Sprecherin weiß, dass die meisten Kolleginnen und Kollegen den wirtschaftlichen Ruin jetzt fürchten. „Im ersten Schritt haben wir wie alle anderen Solo-Selbstständigen auch einen Kredit von 5.000 Euro erhalten. Danach konnten viele von uns auch die Grundsicherung beantragen. Seit wenigen Wochen geht es aber nur noch um Ausgleiche für die Betriebskosten. Zuschüsse für private Mieten, die viele von uns zahlen, gibt es aber nicht“, so Klee.

Die als Sexarbeiterinnen tätigen Frauen hätten jedoch lange genug beim Staat einbezahlt und schließlich auch ihren Teil des Rettungsschirmes finanziert. Wenn sie jetzt keine Hilfe erhalten, sei das alles andere als gerecht. Auch die illegal im Sexgeschäft tätigen Frauen stünden jetzt unter besonderem Druck – nur mit härteren Konsequenzen. „Obwohl empfindliche Strafen drohen, werden die Frauen von Zuhältern weiterhin zur Arbeit geschickt“, so Klee. „Für unsere Branche ist die Corona-Zeit wie ein Brennglas. Die Abhängigkeiten, die in der illegalen Prostitution herrschen, werden jetzt nur noch verschärft“, sagt Klee.

Grundsätzliches Verbot der Rotlichtbranche auf der politischen Agenda

Politische Initiativen, die sich grundsätzlich für ein Prostitutionsverbot in Deutschland aussprechen, nutzen nun die Gunst der Stunde, für ihre Ziele. So auch das Netzwerk „für eine Welt ohne Prostitution“ in der Linkspartei. Das setzt sich für ein Sexkaufverbot und „eine neue Prostitutionspolitik in der Linken“ ein. Mitunterzeichner eines entsprechenden Aufrufs sind die Bundestagsabgeordneten Heike Hänsel und Sylvia Gabelmann. Deren Ansicht: Die „Institution der Prostitution“ ist mit der Menschenwürde unvereinbar. Ganz aktuell haben sich 16 Bundestagsabgeordnete aus verschiedenen Fraktionen in einer Petition an die Ministerpräsidenten gewandt, in der sie ein generelles Prostitutionsverbot in Deutschland fordern. Und erst vor wenigen Wochen hatte die saarländische Landesvorsitzende der Frauen-Union und Finanzstaatssekretärin Anja Wagner-Scheid (45) gefordert, Bordelle und Straßenstriche für immer zu räumen. „Wir müssen ein Gesetz verabschieden, das das Geschäftsmodell für Menschenhändler unrentabel macht“, so ihr Vorschlag. Ein generelles Verbot sei keine Lösung, findet Stefanie Klee. Der illegale Teil der Branche werde dann noch verdeckter praktiziert – ohne irgendeinen Schutz, den man diesen Frauen bieten könne.

Datum: 15. Juli 2020, Text: Stefan Bartylla, Bild: imago images/Jochen Eck