Tödliche Beeren

Auf Initiative des Botanischen Sondergartens Wandsbeck hin wurde die Tollkirsche zur Giftpflanze des Jahres gewählt.


Der Botanische Sondergarten Wandsbek lässt seine Besucher alljährlich die „Giftpflanze des Jahres“ wählen. Für das Jahr 2020 wurden der Holunder auf Platz 3, die Engelstrompete auf den 2. Platz gesetzt. Eindeutiger Sieger mit einem Stimmenanteil von 31,4 Prozent wurde die Tollkirsche, die damit den Vorjahresspitzenreiter Aronsstab ablöste. Wer Lust hat, kann sich übrigens jetzt schon an der Wahl der Giftpflanze 2021 beteiligen.


Die Tollkirsche, ein harmlos aussehendes Nachtschattengewächs, besitzt nicht nur die giftigen „Kirschen“. Bei der Giftpflanze des Jahres 2020 sind alle Pflanzenteile sehr stark giftig. Die einzige bei uns heimische Art ist die Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna). Der Gattungsname Atropa entspringt der griechischen Mythologie. Ihr zufolge gehört die Göttin Atropos zu den drei Schicksalsgöttinnen und ist diejenige, die den Lebensfaden durchschneidet.

Giftige Alkaloide

Atropa belladonna ist eine sparrig verzweigte Staude, die bis zu 1,5 Meter hoch werden kann. Sie besitzt einen dicken Wurzelstock und große, drüsig behaarte Blätter. Die glockenförmigen Blüten sitzen einzeln in den Blattachseln. Sie sind außen rotbraun bis violett und innen dunkelgelb mit rötlichen Adern. Daraus entwickeln sich zwischen Juni und August die schwarz glänzenden Beeren, die Tollkirschen. In diesem Zeitraum sind Blüten, reife und unreife Früchte gleichzeitig vorhanden. Die Früchte wie auch der Rest der Pflanze enthalten eine große Menge giftige Alkaloide. Bei den appetitlich aussehenden Früchten ist die Gefahr sehr hoch, dass sie – vor allem Kinder – zum Essen einladen.

Tödliche Dosis

Trügerisch ist auch, dass die Beeren nicht bitter schmecken. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die Tollkirsche bei Vergiftungen durch Pflanzen eine der führenden Stellungen in den Statistiken der Giftnotrufzentralen einnimmt. Man geht von einer Sterblichkeit von ungefähr zehn Prozent aus. Bei Kindern ist schon mit drei bis vier Beeren eine tödliche Dosis erreicht.

Körperliche Unruhe

Die wichtigsten Alkaloide in der Tollkirsche sind Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin. Während in der Frucht das Atropin vorherrscht, überwiegt in den Blättern das Hyoscyamin. Beide Gifte wirken sowohl zentral erregend als auch peripher lähmend. Abhängig von der aufgenommenen Dosis kommt es zu allgemeiner Erregung und körperlicher Unruhe, zu euphorischen Zuständen bis hin zu starker Verwirrtheit, Krämpfen und Tobsuchtsanfällen. Später kann es zu Lähmungen und einem narkoseähnlichen Schlaf kommen, der durch Atemlähmung zum Tod führen kann.

Glänzende Augen

Zu erkennen ist eine Vergiftung beim Menschen unter anderem an den stark erweiterten Pupillen. Diese Wirkungen machten sich Frauen in früheren Zeiten zunutze und tröpfelten sich den Saft der Tollkirschen in die Augen, um diese groß und glänzend erscheinen zu lassen. Daher rührt auch der Zusatz „belladonna“, der „schöne Frau“ bedeutet. Aus den Blättern gewonnener Belladonna-Extrakt wird heute pharmakologisch verwendet, zum Beispiel in Augentropfen zur Untersuchung beim Augenarzt sowie in homöopathischen Mitteln.

Weite Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Skandinavien, West- und Südeuropa und den Balkan über Kleinasien bis nach Nordafrika und den Iran. Vorkommen auf den Britischen Inseln werden als kaum ursprünglich eingeschätzt, solche in Nordafrika gelten als eingeführt. In Deutschland gilt die Schwarze Tollkirsche in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland, dem östlichen Teil Nordrhein-Westfalens, Hessen, Thüringen und Süd-Niedersachsen als verbreitet. Zerstreute Vorkommen sind in Süd-Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt belegt.


Giftnotruf Berlin und Brandenburg: (030) 192 40


Datum: 2. Juli 2020, Text: Industrieverband Agrar/Redaktion, Bild: imago images/Blickwinkel