Eine bunte, aber bedrohte Pflanzengesellschaft

Warum die Floristisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft e.V. (FlorSoz) in diesem Jahr den Borstgrasrasen ehrt.


Die Floristisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft e.V. (FlorSoz) ruft die stark bedrohten Borstgrasrasen zur Pflanzengesellschaft des Jahres aus. Die auf nährstoffarme Standorte und eine extensive Nutzung angewiesenen Borstgrasrasen sind inzwischen europaweit selten und regional sogar unmittelbar vom Aussterben bedroht.


Traditionell beweidete oder gemähte Borstgrasrasen sind blütenreich und tragen zu einem abwechslungsreichen Landschaftsbild und vielfältigen Naturerlebnissen bei, was vor allem in touristisch geprägten Regionen zunehmend als eine wichtige Ökosystemleistung wahrgenommen und geschätzt wird. Borstgrasrasen sind darüber hinaus der wichtigste Lebensraum für die Arnika — eine bekannte und früher häufig genutzte Heilpflanze.

Wichtige Bedeutung

Borstgrasrasen kommen zum Beispiel im Schwarzwald, Harz, in der Eifel und Rhön, im Erzgebirge und punktuell noch in norddeutschen Tieflandsgebieten vor und beherbergen Pflanzenarten, die zumeist nur in diesem Lebensraum zu finden sind. Sie haben eine wichtige Bedeutung als Pollen- und Nektarquelle für blütenbesuchende Insekten wie Schmetterlinge und Wildbienen und sind Lebensraum für viele andere, oft gefährdete wirbellose Tierarten.

Bedeutende Heilpflanze

Bei den typischen Kräutern sind vielfach Pflanzen vertreten, die oftmals zu den Arten der Roten Liste Deutschlands gehören. Sie verleihen den kräuterreichen Borstgrasrasen ein blumenbuntes Bild. Bedeutende Heilpflanzen wie Arnika und Blutwurz sowie Gewürzpflanzen wie Arznei-Thymian und Bärwurz sind darunter. Einige der Arten der Borstgrasrasen sind teilweise auf spezifische Lebensgemeinschaft mit Pilzen angewiesen. Das gilt zum Beispiel für die verschiedenen Rautenfarne und die Orchideen-Arten.

Geringe Bestandszahlen

Die natürlichen Vorkommen der Arten der Borstgrasrasen liegen unter anderem auf Sonderstandorten wie auf Felsbändern und an Moorrändern. Borstgrasrasen frischer bis mäßig trockener Böden stellen in der Regel potentielle Waldstandorte dar. Sie entstanden zumeist nach Rodung und Waldweide. Demnach sind sie Elemente der traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaft.

Sie wurden und werden oft von Viehrassen beweidet, die nur noch geringe Bestandszahlen aufweisen und so ihrerseits gefährdet sind (zum Beispiel Hinterwälder Rind oder Rotes Höhenvieh). Die historisch gewachsenen extensiv genutzten Weidelandschaften besitzen auch einen hohen landschaftsästhetischen Wert. Schafbeweidung ist als Nutzung ebenfalls häufiger zu finden, seltener auch Ziegenbeweidung.

Gefährdete Arten

Die Mitglieder der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemeinschaft haben durch ihre Kartierungen den massiven Rückgang artenreicher Borstgrasrasen dokumentiert. Gefährdungsursachen sind nicht nur Flächenrückgänge durch Nutzungsaufgabe, Aufforstung und Überbauung, sondern auch Düngung sowie Stickstoffeinträge aus der Luft. Nährstoffanreicherungen führen zum Verlust der konkurrenzschwachen, gefährdeten Arten. Dadurch verlieren Borstgrasrasen ihre Blütenvielfalt.

Artenreiche Vorkommen

Neben der Wiedereinführung einer extensiven Nutzung in brachgefallenen Borstgrasrasen sind zunehmend auch Wiederansiedlungen lokal ausgestorbener Arten notwendig. Dazu werden die in den jeweiligen Regionen noch vorkommenden artenreichen Borstgrasrasen als Spenderflächen genutzt. Um deren Erhaltung zu sichern, sind kontinuierlich verfügbare Vertragsnaturschutz-Programme notwendig, die Gemeinwohlleistungen der Landnutzer fair honorieren.

Datum: 18. Juni 2020, Text: Manfred Wolf, Bild: Tuexenia/Dierschke