Pop-up-Radwege legen Berliner Hauptstraßen lahm

Pop-up-Radweg in der Kantstraße

Um Radfahrer besser zu schützen, entstehen Pop-up-Radwege entlang vieler Hauptstraßen in Berlin. Andere Verkehrsteilnehmer haben das Nachsehen. Es kommt zu Staus.

Für Radfahrer sind auf der Kant- und der Neuen Kantstraße paradiesische Zeiten angebrochen. Wurden sie vorher von Kraftfahrern oft bedrängt und gefährdet, stehen ihnen jetzt auf den meisten Abschnitten eigene Fahrstreifen zur Verfügung. Doch weil sich neben den neuen Pop-up-Radwegen Parkplätze befinden, bleibt für den fließenden Verkehr meist nur noch eine Spur pro Richtung. Vor Ampeln entstehen lange Warteschlangen, in denen auch die Linienbusse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) feststecken.

Bei dem Landesunternehmen ist man nicht glücklich über die neue Platzverteilung. „Wir bedauern, dass die BVG in die Planung nicht einbezogen wurde“, sagte eine Sprecherin. Der Straßenzug in Charlottenburg sei eine wichtige Busroute. Ein Mitarbeiter des Busbereichs hatte in seiner Freizeit die Muße, rund eine Stunde lang den Verkehr auf der Kantstraße zu beobachten. „In der Zeit habe ich ganze sechs Radwegnutzer gezählt“, berichtet er im Anschluss.

Abstand halten

Im Zeichen der Coronakrise sind auf mehreren Berliner Hauptverkehrsstraßen Radfahrstreifen provisorisch markiert und mit rot-weißen Warnbaken geschützt worden. So soll es Radfahrern ermöglicht werden, Abstand zu halten, hieß es vom Senat. Die Pop-up-Radwege seien dort entstanden, wo ohnehin seit Jahren Radfahrstreifen geplant waren – oder wo das Mobilitätsgesetz mehr Platz für Radfahrer vorschreibt. Rund elf Kilometer sind bereits markiert worden, weitere elf Kilometer seien in Arbeit.

Der Fahrgastverband IGEB hat bereits gefordert, die Belange des Nahverkehrs stärker zu berücksichtigen – was auf der Charlottenburger Kantstraße nicht der Fall gewesen sei. Hohe Akzeptanz. Nun haben sich auch Wissenschaftler mit den neuen Pop-up-Radwegen befasst.

Hohe Akzeptanz

Das Institut IASS Potsdam und die Technische Universität veröffentlichten die Ergebnisse einer nicht-repräsentativen Online-Befragung, an der zwischen dem 30. April und 10. Mai auch 1.661 Berliner teilgenommen haben. „Die höchste Akzeptanz zeigen wenig überraschend die Radfahrenden mit gut 94 Prozent Befürwortung“, sagte IASS-Sprecher Matthias Tang. Um einiges geringer, aber immer noch deutlich positiv, falle die Zustimmung bei Nahverkehrsnutzern und Fußgängern aus – bei ihnen betrugen die Quoten 79 beziehungsweise 75 Prozent.

Wie zu erwarten, werden die temporären Radfahrstreifen von Autofahrern meist negativ bewertet. Von ihnen waren nur elf Prozent für die neuen Radwege. Die große Mehrheit der Befürwortenden, rund 78 Prozent, nutzt die Pop-up-Radwege aktuell, hieß es. Die Mehrheit fühlt sich dort sicherer. „Es sei jetzt möglich, genügend Abstand zu Autos, aber auch zu anderen Radfahrern einzuhalten.“

Doch es gab auch Kritik. „Einer der zentralen Nachteile ist aus Sicht der Ablehnenden die Einschränkung der anderen Verkehrsmittel“, so Tang. Neben Autos wurden der Nahverkehr, die Stadtreinigung und Paketlieferanten genannt.

Dieser Beitrag erschien am 4. Juni in der Berliner Zeitung. Den Originalartikel finden Sie hier.

Datum: 11. Juni 2020, Text: Peter Neumann, Bild: imago images/Jürgen Ritter