Das größte Lebewesen Deutschlands

Die Ivenacker Eichen in Mecklenburg sind vom Bund Deutscher Forstleute zum „Wald des Jahres“ 2020 gekürt worden


Wir stellen Ihnen in der Serie „Naturwesen des Jahres“ 2020 Vertreter aus der heimischen Fauna und Flora vor, die vom Naturschutzbund oder anderen Natur-Verbänden als sogenannte Jahreswesen auserkoren worden sind. Diesmal geht es um den Wald des Jahres, der vom Bund Deutscher Forstleute (BDF) gekürt wird: Die Ivenacker Eichen.


Beinahe mitten im Zentrum Mecklenburg-Vorpommerns residieren die Ivenacker Eichen. Das weithin bekannte, nur 164 Hektar große Waldgebiet befindet sich etwa 30 Kilometer westlich von der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg. Der Wald wurde gewählt, weil es den Forstleuten vor Ort hervorragend gelingt, im Rahmen der modernen naturnahen Forstwirtschaft auch noch die mittelalterliche Bewirtschaftungsform des Hutewaldes zu veranschaulichen. Die 1.000-jährigen Eichen machen dies eindrucksvoll deutlich. Sie prägten Kultur, Traditionen und Bräuche.

Artenreicher Laubwald

Die Ivenacker Eichen sind Bestandteil einer flachwelligen Grundmoränenlandschaft, die durch das Pommersche Stadium der Weichselvereisung geformt wurde. Die gute Nährstoffversorgung der Lehmböden und Jahresniederschläge um 580 Millimeter bilden in Ivenack die Grundlagen für einen artenreichen Laubwald mit Buchen (37 Prozent), Eichen (26), Ahorn (14), Erlen (7) und andere (16) Arten. Das Landschaftsbild um die Ivenacker Eichen wird durch die Ortschaft Ivenack, den angrenzenden Ivenacker See, das Schloss sowie zahlreiche Gräben und Bäche und landwirtschaftlich genutzte Flächen geprägt.

Urige Eichen

Das Waldgebiet, mit den namensgebenden Eichen, verkörpert in besonderer Weise die im Mittelalter vorherrschende Wirtschaftsform der Waldweide. Die Waldweide (Hutung) prägte über Jahrhunderte die Kultur, die Traditionen und Bräuche der Menschen. Die Darstellung und Entwicklung dieser historischen Waldnutzungsform steht bei den Ivenacker Eichen im Mittelpunkt aller Maßnahmen. Wahrhaft beeindruckend sind die ältesten Baumveteranen.

Die Mächtigste dieser urigen Eichen besitzt einen Umfang von 11,7 Metern und ein Volumen von 140 Kubikmetern. Damit ist diese Eiche deutlich stärker als alle anderen in Europa bekannten Eichen (Majesty Oak in England 100 Kubikmeter, Chrobry Eiche in Polen 90 Kubikmeter) und wird vom Eichenspezialisten und Buchautor Jeroen Pater folgendermaßen charakterisiert: Die Ivenacker Eiche ist nicht nur die größte und mächtigste Eiche Deutschlands, sie ist auch die größte und mächtigste Eiche Europas, sie ist das größte Lebewesen Deutschlands und sie ist die größte Stieleiche (Quercus robur) der Welt.

Zahlreiche Arten

Zahlreiche Arten. Um die historische Waldnutzung dauerhaft zu ermöglichen, wurde das Gebiet 2016 zum Nationalen Naturmonument erklärt. Das Waldgebiet der Ivenacker Eichen ist ein herausragender Lebensraum für zahlreiche waldbewohnende Arten. Dies konnte durch eine Untersuchung der Käferfauna (2011 und 2013) insbesondere für Holz bewohnende Käfer bestätigt werden. Demnach konnten 856 Käferarten nachgewiesen werden. Darunter 178 Arten der Roten Listen, 14 Urwaldrelikt-Arten und elf Käferarten, die erstmals in Mecklenburg-Vorpommern nachgewiesen wurden.

Aus keinem Naturwaldreservat in Mecklenburg-Vorpommern sind bisher mehr Holzkäferarten bekannt. Annähernd 120.000 Besucher aus dem In- und Ausland lassen sich jedes Jahr von dem eindrucksvollen Ambiente der Ivenacker Eichen verzaubern. Mit dem 2017 errichteten Baumkronenpfad können die verschiedenen Schichten des Waldes, vom Stamm bis zur Krone, erkundet werden. Die 40 Meter hohe Aussichtsplattform bietet den Besuchern außerdem einen Rundumblick über die Baumkronen und den Ivenacker See.

Datum: 11. Juni 2020, Text: Manfred Wolf, Bild: TMV/Thomas Grudner