Länderchefs wollen mehr Respekt für den Osten

Protest 1993 in Bischofferode

Die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Länder fordern mehr Anerkennung für die Erfahrungen und die Lebensleistung früherer DDR-Bürger. Viele von fühlen sich fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer benachteiligt.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist nicht gerade für emotionale Ausbrüche bekannt. Bei der jüngsten Konferenz der ostdeutschen Regierungschefs fand er ungewohnt dramatische Worte. „Die Menschen in Ostdeutschland haben ihre Freiheit und Demokratie sowie die positive Wirtschaftsentwicklung der ostdeutschen Länder hart erkämpfen und erarbeiten müssen“, so Müller. „Diese große gesellschaftliche Leistung sollte Anlass zum Stolz sein und muss in ganz Deutschland mehr wahrgenommen und gewürdigt werden.“

Friedliche Revolution

Unter Müllers Vorsitz haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die besagten Länderchefs auf ihrer 47. Regionalkonferenz unter anderem über 30 Jahre Deutsche Einheit diskutiert. In diesem aktuellen Kontext stand auch ein Austausch zu den Chancen und Herausforderungen Ostdeutschlands in den Bereichen Wissenschaft und Forschung sowie Digitalisierung. In der gemeinsamen Abschlusserklärung heißt es: „Die Bürger der DDR sind mit großem Mut und großer Zielstrebigkeit im Herbst 1989 für Freiheit und Demokratie eingetreten. Sie haben die SED-Diktatur in einer friedlichen Revolution überwunden, den Fall der Mauer und der innerdeutschen Grenze – die Berlin und Deutschland jahrzehntelang teilten – erzwungen.“

Einsatz für Freiheit

Das Engagement der Ostdeutschen für Freiheit und Demokratie sei ein Grund „zum Stolz und Teil unseres gesamtdeutschen historischen Erbes“. Freiheit und Demokratie seien nicht selbstverständlich. „Sie brauchen Bürger, die sich für ihren Erhalt starkmachen und Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. Unabdingbar hierfür sind Respekt vor der Meinung anderer und Bereitschaft zum Kompromiss.“

Zur Bilanz gehöre auch die „besondere Lebensleistung“ der Menschen im Osten Deutschlands, die seit der Wiedervereinigung eine tiefgreifende Transformation mit oftmals gravierenden biografischen Einschnitten erlebt und mitgestaltet hätten. „Das Jubiläumsjahr der deutschen Einheit ist ein sehr guter Anlass, um das Verständnis für die Leistungen der Menschen zu fördern, die zum Zusammenwachsen unseres Landes beigetragen haben.“

Bürger zweiter Klasse

In jüngster Zeit wurde von verschiedener Seite mehr Respekt vor den Erfahrungen und vor der Lebensleistung von Ostdeutschen angemahnt. Laut einem MDR-Bericht ergaben Befragungen nach den Landtagswahlen 2019, dass 59 Prozent der Brandenburger und 66 Prozent der Sachsen der Aussage zustimmen, Ostdeutsche seien Bürger zweiter Klasse.

Als Gründe dafür werden immer wieder bleibende Unterschiede bei Gehältern und das damit verbundene Wohlstandsgefälle gegenüber den westlichen Bundesländern genannt. Auch der wirtschaftliche Umbruch nach dem Ende der DDR (im Bild: Protest gegen die Schließung des Kali-Bergwerks Bischofferode 1993) zeitigt langfristige Folgen.

Niemand hat zugehört

„Über Nacht war das, was die Menschen in der DDR über vier Jahrzehnte getan hatten, wertlos“, so die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Und weiter: „Verdiente und verantwortungsbewusste Mitarbeiter in volkseigenen Betrieben wurden auf einmal zu Umschülern, zu Erstklässlern.“ Niemand habe ihre Lebensgeschichte bislang ausreichend gewürdigt, niemand habe ihnen auch auch nur zugehört, erklärt die SPD-Politikerin die Versäumnisse.

Datum: 4. Juni 2020. Text: Nils Michaelis. Bild: imago images/Rex Scherer