Berliner Gastronomie – ein Neustart mit Herausforderungen

Großes Aufatmen bei Gastgebern und Gästen: Endlich durften Restaurants und Cafés wieder öffnen. Das Berliner Abendblatt hat Gastronomen gefragt, was sie von den neuen Regelungen halten, wie es ihnen bislang ergangen ist und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Für Berliner Wirte, Mitarbeiter und Gäste endete am vergangenen Wochenende die achtwöchige Corona-Zwangspause. Die rund 13.000 Gaststätten und Restaurants im Berliner Stadtgebiet durften wieder öffnen. Erlaubt ist jetzt der Betrieb zwischen 6 und 22 Uhr in Gasthäusern mit eigener Speisenzubereitung. Tische inklusive Stühle müssen in einem Mindestabstand von eineinhalb Metern aufgestellt sein und das Service-Personal ist verpflichtet, Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Der Senat empfiehlt den Gastronomen, ihre Gäste zu registrieren, um damit eine eventuelle Kontaktverfolgung möglich zu machen.

Große Gemeinschaft

„Wir haben in den vergangenen Wochen alles für diesen Tag vorbereitet“, erklärt Dat Vuong, der Chef vom stadtbekannten vietnamesischen Restaurant Monsieur Vuong in der Alten Schönhauser Straße unweit der Berliner Volksbühne. „Der Großteil unserer finanziellen Rücklagen ist inzwischen aufgebraucht“, räumt er ein.

„Gekündigt haben wir bislang aber noch niemanden. Wir fühlen uns unseren Mitarbeitern sehr verbunden. Die meisten hier sind ja seit vielen Jahren bei uns und sorgen für die fröhliche Stimmung, für die unser Restaurant bekannt ist“, erklärt Dat Vuong. Die Service-Mitarbeiter tragen jetzt durchsichtige Schutzvisiere und rund die Hälfte der Gästeplätze müssen aufgrund der Abstandsregelungen ungenutzt bleiben. „Der Umsatz an diesem ersten Wochenende war nur mäßig“, sagt der Restaurant-Chef. Neben den Berlin-Besuchern werden ihm auch die Business-Kunden fehlen, die jetzt im Home-Office arbeiten.

Zum Mittagessen in der Woche werden deswegen wohl nur wenige Gäste vorbeischauen. Dat Vuongs Menüempfehlung für die aktuelle Starterwoche: „Hühnchen, Kokos-Taro mit Kräutern und Erdnüssen.“

Im Promi-Lokal

Mit 170 Quadratmetern Gastraum, 22 Mitarbeitern und drei Köchen ist das Mondo Pazzo an der noblen Charlottenburger Schlüterstraße unweit des Ku’damms fast ein mittelständisches Unternehmen. Fisch, Fleisch und Pasta aus der ländlichen italienischen Küche listet die Karte des Restaurants von Tanju Bilgin, der hier in den vergangenen 24 Jahren bereits viele prominente Gäste empfangen hat. Politiker aus Senat und Bundestag gehören zu den Stammgästen wie auch zahlreiche Fußballer von Hertha BSC und andere Berliner Prominenz. „Jetzt muss ich irgendwie mit der Hälfte der Gästeplätze auskommen. Drei Mitarbeitern habe ich leider schon kündigen müssen“, erklärt der Promiwirt. Staatliche Unterstützung hat Bilgin nicht in Anspruch genommen.

Dennoch: Ein weiterer Lockdown hätte auch für das Mondo Pazzo wohl die Insolvenz zur Folge. „Miete und Gehälter – Ruckzuck sind 200.000 Euro Kosten zusammen, ohne dass wir hier irgendwelchen Umsatz gemacht haben“, erklärt Bilgin, der für den Mundschutz seiner Mitarbeiter sogar ein eigenes Design mit dem Logo seines Restaurants hat entwerfen lassen. Besonders gelassen reagiert er auf die Senatsempfehlung, seine Gäste zur Kontaktverfolgung registrieren zu müssen. „Die meisten sind sowieso hier Stammkunden. Alle anderen trage ich in unser Reservierungsbuch ein“, sagt er und empfiehlt für die Starterwoche nach der Corona-Auszeit eine besonders üppige Wahl aus seiner Speisekarte: Spaghetti mit Jumbo-Scampi.

Mit viel Leidenschaft

Ganz ohne Prominenz und mit großer Beliebtheit in der gesamten Nachbarschaft betreiben Çi?dem und Ali Yi?it ihr türkisches Feinkostrestaurant „Meyan“ an der Schöneberger Goltzstraße bereits seit sieben Jahren. „Wir haben die Auszeit für Renovierungen genutzt. Leider mussten wir während der Schließzeit den Großteil unserer 15 Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken oder sogar kündigen“, sagt Çigiit Ali.

Jetzt wolle man aber wieder alle an Bord holen. „Für unsere Mitarbeiter ist die Arbeit viel mehr als nur eine Verdienstmöglichkeit. Sie ist auch ein Stück Freiheit und Identität, nach der wir uns wieder zurücksehnen“, erklärt die gelernte Modedesignerin. Im Restaurant können von den ursprünglich 16 Tischen nur noch die Hälfte genutzt werden. Sie weiß: „Der Umsatz wird sich entsprechend verringern.“ Aber es müsse irgendwie weitergehen mit dem Restaurant, das von den Gästen aus der direkten Nachbarschaft lebt, und bekannt für die leckere mediterrane Feinkost ist, die die drei türkischen Köchinnen des Hauses zubereiten. Çi?dem Yi?its Empfehlung für die Woche: Pute in Weißweinsoße mit getrockneten Tomaten, Basilikum und Pesto gefüllt.

Der Einzelkämpfer

Neuen Mut hat auch Tobias Eisenberg, der Chef vom Café Eisenberg an der Sophienstraße, geschöpft, „Seit dem vergangenen Freitag fühlt sich meine Arbeit doch wieder etwas besser an“, bestätigt er. Seit fünf Jahren betreibt Eisenberg sein Bistro mit dem 20 Quadratmeter kleinen Gastraum am Ausgang der Hackenschen Höfe in der Sophienstraße. Im Café selbst bleiben ihm nach Erfüllung der Auflagen gerade mal acht Gästeplätze.

Draußen vor der Tür hat er ein wenig gemogelt und ein paar Tische zusätzlich aufgestellt. „Ich hoffe, dass das Ordnungsamt jetzt ein Auge zudrückt“, sagt er. In den vergangenen Wochen gab es bei ihm nur Außer-Haus-Verkauf. „An guten Tagen kam ich auf gerade mal die Hälfte des üblichen Umsatzes“, bilanziert er und gesteht: „Wenn ich jetzt noch einmal so lange pausieren muss, müsste ich wahrscheinlich endgültig dichtmachen – Miete, Fixkosten und Versicherungen könnte ich nicht mehr erwirtschaften“, sagt er. Die Menü-Empfehlung für seine Starterwoche: Erbsensuppe mit Minze.

Der Verband spricht von großen Herausforderungen

„Die nächsten Wochen werden eine große Herausforderung sein“, kommentiert Guido Zöllick, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, die aktuelle Situation im Gastgewerbe. Die strengeren Hygienevorschriften hätten für die Betriebe nicht nur große Mehrkosten zur Folge. Auch aufgrund der Abstandsregelungen rechne man damit, dass man wohl nur 30 bis 50 Prozent des Vorjahresumsatzes erzielen könne, lautet dessen Einschätzung. Es werde wohl noch eine Zeit dauern, bis kostendeckende Umsätze erzielt werden könnten.

Wie und wann nun im nächsten Schritt die weitere Wiedereröffnung der Gastronomie ausfallen wird, ist bislang noch ungewiss. Regelungen zur Öffnung für Kneipen, Shisha-Bars, Diskotheken und Tanz-Clubs wurden bislang durch den Berliner Senat noch nicht bekannt gegeben. Allein die Termine zur Öffnung von Hotels, Hostels und Pensionen im Stadtgebiet stehen bereits fest. Ab dem 25. Mai sollen Touristen dort wieder übernachten dürfen.

Datum 20. Mai 2020, Bilder und Text: Stefan Bartylla