Berliner Geschichte: Spitäler zum Gesunden nicht geeignet

Gertraudenkirche auf dem Spittelmarkt

Die ersten Krankenhäuser Berlins waren auch für Arme und unverheiratete Frauen da.

Neben den mächtigen Fassaden der einstigen Handelshochschule an der Spandauer Straße wirkt die Heilig-Geist-Kapelle geradezu niedlich. Aber sie ist nicht nur eine feine gotische Architektur und einer der ältesten erhaltenen Bauten Berlins. Sie ist auch die letzte Zeugin des mittelalterlichen Kranken- und Gesundheitswesens der Stadt.

Erstmals wurde das Heilig-Geist-Spital 1272 in einem Brief der Bäckergilde erwähnt, die ihm die andauernde Versorgung mit Brot zusicherte. Es war nicht die erste Spendenzusage und nicht die letzte. Schließlich stand das Spital am Ausgangspunkt des Pilgerwegs zur Heilig-Blut-Kirche in Wilsnack.

Klosterartige Stiftungen

Um 1300 waren genug Erträge aus Stiftungen, Erbschaften und Spenden zusammengekommen, damit der Kapellenbau aus Ziegelstein entstehen konnte. 1313 bestimmte eine Stiftung, dass 16 alte Männer und 17 Frauen durch das Spital versorgt werden sollten. Auch hier zeigt sich die für die Vormoderne charakteristische Überschneidung zwischen Armen-, Kranken- und Altenfürsorge.

Wie die allermeisten Institutionen der Armen-, Sozial- und Gesundheitsfürsorge des Mittelalters war auch das Heilig-Geist-Spital auf die Hilfe der Bürger angewiesen. Nur selten engagierten sich der Staat oder die Kommunen direkt. Deswegen ist die Zahl solcher Anlagen durchaus auch ein Hinweis auf den Wohlstand einer Gemeinde.

Berlin, das im Spätmittelalter zur wichtigsten Handelsstadt der Mark werden sollte, unterhielt seit dem 14. Jahrhundert gleich drei klosterartige Stiftungen für die Versorgung von Reisenden, physisch oder geistig Kranken, alleinstehenden Alten, körperlich Behinderten, Witwen und Waisen: Neben dem Heilig-Geist-Spital waren das das 1278 erstmals erwähnte Georgenspital nahe dem heutigen Alexanderplatz, das als Haus für Leprakranke und „Aussätzige“ diente, und das 1406 für die Unterbringung von nicht verheirateten Bürgertöchtern und die Armenfürsorge gestiftete Gertraudenspital am Spittelmarkt.

Erhebliche Sterberate

Gerade aus der mangelnden Überlieferung – auf Krankenhausbauten war man meist stolz – muss man konstatieren, dass die Berliner Hospitäler bis ins 19. Jahrhundert hinein keine Prachtbauten waren. Sie bestanden auch noch im 17. Jahrhundert aus einigen Fachwerkgebäuden mit einer Halle für die Kranken und Armen – frische Luft war Standardforderung seit der Antike und dem Hohen Mittelalter, als die Kreuzfahrer aus dem islamischen Orient neue Vorstellungen von Gesundung in den Westen und Norden Europas gebracht hatten.

Dazu ein Wohnhaus für den Priester und seinen Küster mit dessen Familie, eine ziegelsteinerne Kapelle, ein Garten für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und ein kleiner Friedhof. Der gehörte unabdingbar dazu – nicht nur, weil die Sterberate erheblich war: Die Menschen mussten angesichts des Stands der Medizin, die auf der Lehre vom Ausgleich der Körpersäfte und der Idee von schädlichen „Miasmen“, also Ausströmungen aus Erde, Luft oder Wasser aufbauten, wirklich auf Gottes Gnade hoffen.

Miserable Betreuung

Auch deswegen sind Krankenhallen oft wie Kirchen errichtet worden, inklusive Altar. Die Kranken und Sterbenden sollten an der Segnung des Gottesdienstes teilhaben, im „Hotel Dieu“, also Haus Gottes, umweht werden von „Heilig-Geist“, „Santa Cruz“, „Spirito Santo“. Im Grundsatz blieb dieses medizinische und soziale Modell – eine oder mehrere Hallen und das gemeinsame „Behandeln“ von Krankheit und Armut – architektonisch und methodisch über Jahrhunderte gleich.

Auch das erste Pestkrankenhaus der Charité folgte ihm noch im frühen 18. Jahrhundert. Dabei war die Gefahr, die von dieser Zusammenballung von Menschen unterschiedlichster Bedürftigkeit ausging, bekannt: Man versuchte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit allen Mitteln, nicht eingeliefert zu werden. Denn Hospitäler galten als Institutionen der Armenfürsorge, waren oft überfüllt, die medizinische Betreuung miserabel, weil die Ärzte direkt bezahlt werden mussten.

Hygiene blieb ein Fremdwort. Noch 1858 klagte die Krankenschwester Florence Nightingale in ihrem Bericht „Notes on Hospitals“, dass die hygienischen Verhältnisse in Londoner Krankenhäusern – und die galten als vergleichsweise gut – dazu führten, dass Menschen früher stürben, als wenn sie zu Hause geblieben wären.

Verschwundene Spuren

Doch da hatte die neue Zeit bereits begonnen: 1854 beschrieb erstmals Filippo Paccini den Auslöser der Cholera, einen stabförmigen Bazillus. 1883 folgte ihm Rudolf Virchow mit seiner neuerlichen Beschreibung. Während der schrecklichen Cholera-Epidemie 1855 entdeckte der Londoner Arzt John Snow, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen unsauberem Trinkwasser, dessen Gewinnung aus dem Flusswasser der Themse, und der Zahl der Kranken gab. Als er von der Hauptwasserquelle den Brunnenschwengel abnahm, sank die Infektionsquote schlagartig.

Im selben Jahr eröffnete in Paris das Hospital Lariboisière, mit dem sich das Pavillonsystem durchsetzte. Auch in Berlin blieben nur die Namen wie Gertrauden-Krankenhaus oder die kleine Heilig-Geist-Kapelle von der alten Krankenwelt: 1720 wurde das „Pesthaus“, also das Georgenhospital, wegen Baufälligkeit abgetragen. 1825 fiel das Heilig-Geist-Spital.

Modernes Krankenhaus

Der barocke Nachfolgebau des Georgenspitals hielt bis 1885, dann wurde die Institution zusammen mit dem Heilig-Geist-Hospital nach Wedding versetzt. Die Spuren ihres gemeinsamen Krankenhauses verschwanden mit dem radikal alle Ruinen abräumenden Wiederaufbau des Bezirks nach dem Zweiten Weltkrieg, die schwer beschädigte Georgenkirche fiel dem sozialistischen Aufbau des Alexanderplatzes zum Opfer.

Auch das in den 1660er-Jahren erneuerte Gertraudenspital musste 1871 seinen historischen Standort aufgeben. Es zog um nach Kreuzberg, in ein modernes Krankenhaus mit Pavillons und heiteren Gärten. Heute befindet sich dort ein teurer „Wohnpark“.


Der komplette Beitrag erschien am 11. Mai 2020 in der Berliner Zeitung.


Datum: 17. Mai 2020, Text: Nikolaus Bernau, Bild: WikimediaCommons