Biber erobern Berlin

An Havel und Spree sind heute wieder bis zu 80 Biberfamilien zu Hause.

In Berlin aber wäre das Beobachten eines Bibers für mehr als 200 Jahre so unwahrscheinlich gewesen wie die Sichtung eines Ufos. Sie wurden gnadenlos gejagt und in Europa fast komplett ausgerottet. Mittlerweile haben die Biber aber auch das Berliner Stadtgebiet zurückerobert.

Erste Biberburg

„Derzeit leben etwa 60 bis 80 Biberfamilien in Berlin“, sagt Manfred Krauß. Gemeinsam mit seiner Frau ist er Ende der 1980er-Jahre zum Biberschutz gekommen. Seit vielen Jahren ist Umweltschützer Krauß vom Senat beauftragter Biber-Berater für Berlin. „Die ersten Biber kehrten 1994 selbstständig und ohne Nachhilfe durch den Menschen über die Oberhavel von Oranienburg aus in den Norden Berlins zurück“, sagt Krauß. 1995 entstand die erste Biberburg auf der Insel Valentinswerder im Tegeler See. Die Rückbesiedlung ging zunächst langsam vonstatten: Bis 2005 siedelten sich im Bereich um die Spandauer Oberhavel und den Tegeler See fünf Biberfamilien an.

Drei Richtungen

Seitdem hat sich die Population rasant entwickelt, was vor allem daran liegt, dass der Zustrom nach Berlin seit 2005 aus drei Richtungen erfolgt: Um 2006 ließen sich Biber auch im Südwesten der Stadt nieder. Die Tiere, die aus dem Einzugsgebiet der Unteren Havel und der Elbe eingewandert waren, bauten eine erste Burg auf der Pfaueninsel. Etwa zur gleichen Zeit tauchten die ersten Biber auch am Müggelsee im Südosten der Stadt auf. „Die starke Entwicklung der Biber in der Umgebung hat auch Auswirkungen auf Berlin“, sagt Krauß.

In Brandenburg leben heute geschätzt rund 4.000 Biber. Das Land ist fast flächendeckend besiedelt. Da liegt es nahe, dass die Tiere auch in die mehr oder weniger naturnahen Gebiete der Stadt drängen. Und weil der Zustrom jetzt von drei Seiten erfolgt, fallen auch die Hindernisse nicht mehr so ins Gewicht, die zuvor die Ausbreitung verlangsamt haben.

Größere Fluktuation

Schwerpunkte der Verbreitung sind die naturnahen Ufer von Havel und Spree inklusive Müggelsee. „Dort gibt es über viele Jahre die stabilsten Siedlungen“, sagt Krauß. Andere Gewässer wie die zahlreichen Kanäle der Stadt werden ebenfalls angenommen. Allerdings ist dort die Fluktuation bedeutend größer. Einige Familien haben auch die großen Parks der Stadt erobert. Aus den Gondeln, die in Hellersdorf in luftiger Höhe über das Gelände der Gärten der Welt gleiten, blickt man runter auf die Wuhle – und direkt auf eine Biberburg.


Die ältesten Bibernachweise in Europa sind etwa 15 Millionen Jahre alt, teilt die Naturschutzorganisation BUND mit. Der Europäische Biber (Castor fiber) war bis ins Mittelalter hinein überall in Mitteleuropa sowie in weiten Teilen Eurasiens heimisch. Biber wurden wegen ihres Fells und ihres Fleisches gejagt. Das Sekret Bibergeil wurde als Wundermittel gehandelt. Per Papstedikt durften Biber im Mittelalter sogar zur Fastenzeit verzehrt werden, weil sie aufgrund ihres Schwanzes und ihres Lebens im Wasser als Fische galten.


Im Tiergarten sorgten die Nager 2018 für Schlagzeilen, weil ein Teil der Gewässer trockengefallen war. Verantwortlich dafür waren einige Staudämme, die im Bereich des Neuen Sees die Wasserstände erhöhten. Damit reagierten die Tiere vermutlich auf die lang anhaltende Trockenheit, durch die die Tiergartengewässer auszutrocknen drohten: Die Biber wollten sich einfach ein paar Flächen angenehm feucht halten.

Günstige Standorte

Für die Zukunft rechnet der Biberexperte eher nicht mit einer weiteren Zunahme der Biberbestände. „Während an den naturnahen Ufern von Havel und Spree die Population ziemlich stabil ist, ist die Fluktuation an den weniger günstigen Standorten schon jetzt ziemlich hoch“, sagt Krauß.

Datum: 19. April 2020 Text: Ralf Stork Bild: imago images/Blockwinkel


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