Berlin-Kreuzberg: Buchladen Kisch&Co. vor Verdrängung

Eine Kreuzberger Institution steht vor dem Aus. Jetzt schaltet sich Stadträtin Herrmann ein.

Bereits Anfang des Monats berichtete die Berliner Zeitung über den Kreuzberger Buchladen Kisch&Co. Vor drei Jahren konnte das Geschäft gerade noch verhindern, dass es aus der Oranienstraße 25 verdrängt wird. Jetzt ist es erneut bedroht. Um die Buchhandlung zu unterstützen, appelliert Kulturstadträtin Clara Herrmann (Grüne) in einem offenen Brief an den Eigentümer des Hauses, „die Mietverhandlungen fortzuführen und den Verbleib des Kulturortes zu sichern“.

Große Sorge

Der Mietvertrag des Buchladens laufe Ende Mai 2020 aus, schreibt die Politikerin. Aktuell sieht es nicht so aus, als würde er verlängert werden. „Das bedeutet, dass der seit 23 Jahren dort ansässige Buchladen im nächsten Monat schließen muss“, so Herrmann. „Als Kulturstadträtin beobachte ich diese Entwicklung mit großer Sorge. Die Oranienstraße und der Bezirk müssen nach wie vor sozial und kulturell vielfältig bleiben. Buchhandlungen sind Kulturstandorte von großer Bedeutung, die unser soziales Leben erst ermöglichen.“

Angebot abgelehnt

Thorsten Willenbrock, Inhaber der Buchhandlung Kisch&Co. äußerte gegenüber der Berliner Zeitung, das Haus sei Anfang des Jahres an einen Immobilienfonds mit Sitz in Luxemburg verkauft worden. „Wir haben den neuen Eigentümern angeboten, eine Kaltmiete von 17,50 Euro je Quadratmeter zu zahlen. Doch das haben sie abgelehnt.“ Laut Willenbrock hätten die neuen Besitzer kein eigenes Angebot vorgelegt.

Weniger Umsatz 

„Bisher haben wir für unseren 140 Quadratmeter großen Laden 2.800 Euro Miete gezahlt, also 20 Euro pro Quadratmeter – plus Betriebskosten“, sagt Willenbrock. „Das schaffen wir aber nicht mehr.“ Der Umsatz sei schon vor der Corona-Krise zurückgegangen, um etwa 15 Prozent in den vergangenen drei Jahren. Das liege vor allem an der „Touristifizierung“ der Oranienstraße, in der es immer mehr Sauf-Touristen gebe, und an der Verdrängung der Stammkunden aus dem Kiez. „Jetzt, in der Corona-Krise, wissen wir nicht, wie sich die Umsätze entwickeln“, sagt Willenbrock. Bisher könne die Buchhandlung ihre Miete aber zahlen.

Buchhandlung als Lebensmittelpunkt

Die neuen Besitzer des Hauses zeigen sich bisher wenig entgegenkommend. Über einen Rechtsanwalt teilten sie der Buchhandlung in einem Schreiben vom 1. April mit, dass die kalkulierte Miete „offensichtlich außerhalb dessen“ liege, was der Buchladen tragen wolle und – nach dessen Darstellung – tragen könne. Die Rechtslage sei eindeutig: Wenn sich die Parteien nicht einigten, ende das Mietverhältnis am 31. Mai 2020. „Wir würden gerne bleiben. Wir haben viele Stammkunden, einige sind schon in unseren Laden gekommen, als sie noch Kinder waren. Für uns ist unsere Buchhandlung unser Lebensmittelpunkt“, sagt Thorsten Willenbrock.

Kulturelle Grundversorgung

In ihrem Schreiben richtet Clara Herrmann jetzt einen Appell an die neuen Eigentümer: „Seien Sie sich Ihrer sozialen und stadtstrukturellen Verantwortung bewusst: keine Mieterhöhungen für kulturelle Nutzungen! Nehmen Sie die Mietverhandlungen mit Kisch&Co. auf! Wir brauchen gut sortierte Buchhandlungen als Orte der kulturellen Grundversorgung!“

Kisch&Co. sei ein zentraler kultureller Ort in der Oranienstraße und damit in Kreuzberg. Nicht nur die Auswahl der Bücher, auch die zahlreichen Aktivitäten die dort stattfinden, würden den Buchladen zu einem wichtigen Anlaufpunkt für Literatur- und Kunstinteressierte machen. „Noch haben Sie die Chance, eine ‚Kreuzberger Institution‘ im Haus zu halten. Setzen Sie – gerade in bewegten Zeiten – auf Etabliertes und beginnen (virtuelle) Mietverhandlungen!“, bekräftigt die Stadträtin abschließend.

Datum: 18. April 2020, Text: Ulrich Paul/Redaktion, Bild: imago images/Schöning 


Der vollständige Beitrag Buchladen Kisch & Co. wieder in Gefahr erschien am 8. April 2020 unter
www.berliner-zeitung.de