So hilft sich Berlin in der Krise

Berlin in der Krise. Die Stadt zeigt Solidarität

Nachbarschaftshilfe, Spenden und Seelsorge – so zeigt Berlin in der Krise Solidarität. 


In der Krise beweist sich der Charakter, hat Helmut Schmidt einst gesagt. Tatsächlich zeigen sich viele Berliner derzeit von ihrer solidarischen Seite. Wie sich Berlin gerade selber hilft:


Nachbarn, die füreinander einkaufen, mit dem Hund Gassi gehen oder die Kinderbetreuung übernehmen, finden sich über Plattformen wie nebenan.de/corona oder per Hilfe-Hotline (0800) 866 55 44. Zusätzlich gibt es in jedem Bezirk, ja eigentlich in jedem Kiez, kleinere oder größere Initiativen oder Projekte, die Nachbarn verbinden und Hilfe in Corona-Zeiten anbieten. „Aus den Anfängen ist eine richtige Welle der Hilfsbereitschaft geworden. Diese Solidarität ist großartig. Und in ihr liegt eine große Kraft in diesen Tagen, um mit der Krise fertig zu werden. Jetzt geht es darum, schnell den Kontakt zwischen Freiwilligen und Menschen herzustellen, die Hilfe brauchen“, so Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, über die Hilfsbereitschaft der Berliner. Wer Hilfe braucht oder selber helfen möchte, findet hier eine Übersicht über aktuelle Nachbarschaftsprojekte.

Balkon-Konzerte

Erst setzt das Klavier ein, dann ertönen vom Balkon drei Meter weiter plötzlich Cello-Klänge. Dieses musikalische Schauspiel bietet sich gerade zweimal in der Woche in einem Berliner Hinterhof. Dort machen der Cellist und langjähriges Mitglied des Artemis Quartetts Eckardt Runge und sein Nachbar Jacques Ammon gemeinsam Musik. Wer nicht so viel Glück hat, neben einem Star-Cellisten zu wohnen, der muss dennoch nicht auf sein persönliches Balkon- oder Hinterhofkonzert verzichten. Das Künstlerpaar Felice und Cortes Young spielt ab sofort auf Wunsch vor dem eigenen Fenster. Die außergewöhnlichen Balkonkonzerte können per Mail gebucht werden. Bezahlt wird ganz im Sinne der Kontaktbeschränkungen per Beutel oder Umschlag, der vom Balkon hinabgeworfen werden kann.
booking@felice-cortes.com

Aufmerksame Zuhörer

Im Moment können sich all diejenigen glücklich schätzen, die Familie und Freunde haben und per Telefon oder Internet regelmäßig mit ihren Lieben sprechen können. Doch wem teilen Menschen ihre Sorgen mit, wenn es ihnen an sozialen Kontakten und Austausch fehlt? Eine helfende Hand reichen hier beispielsweise die Malteser mit ihrem Einsamkeits-Telefon „Redezeit“. Nicht nur temporär, sondern über Monate, teils über Jahre können Bedürftige langfristige Bindungen und Vertrauen zu immer derselben Person am Hörer aufbauen. Auch das ökumenische Corona-Seelsorgetelefon, eine gemeinsame Initiative der Kirchlichen Telefonseelsorge, der Krankenhausseelsorge und der Notfallseelsorge der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz EKBO, bietet schnelle und unkomplizierte Hilfe und will Menschen mit ihren Ängsten nicht alleine lassen.
Ökumenische Seelsorge: (030) 403 66 58 85, Malteser Redezeit: (030) 348 00 32 69

Existenzen bewahren

Über die Plattform Helfen.Berlin können Bürger ihre Lieblingslokale unterstützen, indem sie Gutscheine kaufen. Nicht nur Restaurants, Cafés oder Bars, sondern auch Clubs, Läden, Hotels und Attraktionen wie Museen, Theater sowie Kinos sind in die spontane Hilfsaktion eingeschlossen. Wie die Plattform verkündet, konnten in weniger als zwei Wochen bereits Gutscheine im Wert von über 500.000 Euro verkauft werden, die den sogenannten Lieblingsorten in der Krise schnelle Liquidität verschaffen sollen. Über Zuspruch kann sich auch die Kampagne „United We Stream“ freuen. In Zusammenarbeit mit Arte concert bieten Berliner Clubs ihr Programm virtuell an und wollen so auf eine Spendensammlung aufmerksam machen. Tausende Mitarbeiter und Kunstschaffende stünden ohne Beschäftigung da und Clubs und Kulturstätten vor dem Ruin. Mehr als fünf Millionen Zuschauer verzeichnet die Aktion mittlerweile. Städte aus ganz Europa haben sich dem Projekt angeschlossen.

Andere unterstützen

Das wohltätige Projekt #kochenfürhelden umfasst ein bundesweites Netzwerk und versorgt Menschen in Funktionsberufen und Helden des Alltags in der Krise mit Mahlzeiten. Gastronomiebetriebe kochen unentgeltlich für ihre Mitmenschen. Gestartet wurde die Initiative von Sternekoch Max Strohe und Ilona Scholl vom Restaurant Tulus Lotrek in Kreuzberg. Auch das Speisekombinat Mitte hilft unter #Soliküche. Zwar ist das Restaurant geschlossen, für sieben Euro kann jedoch eine Mahlzeit gekauft werden, die das Team an lokale Initiativen für Wohnungslose und Bedürftige liefert. Wegen Corona musste auch die Berliner Tafel umdisponieren. Die meisten Ausgabestellen haben geschlossen, gespendete Lebensmittel werden den 50.000 Bedürftigen per Lieferdienst nach Hause gebracht.

Datum: 9. April 2020, Text: Lisa Gratzke/Katja Reichgardt, Bild: imago images/Lars Reimann