Liebestrank und Todesdroge

Der Schwarzblaue Ölkäfer steht auf der Liste der gefährdeten Arten

 


Wir stellen Ihnen in der Serie „Naturwesen des Jahres“ 2020 Vertreter aus der heimischen Fauna und Flora vor, die vom Naturschutzbund (NABU) und anderen Verbänden als sogenannte „Jahreswesen“ auserkoren worden sind. Heute geht es um das „Insekt des Jahres“: der Schwarzblaue Ölkäfer.


Meloe proscarabaeus ist seit 4.000 Jahren Bestandteil unserer Kultur. Das Reizgift Cantharidin im Körper der Käfer wurde gegen eine Fülle von Krankheiten verwendet. Bereits 1550 vor Christus wird in einem altägyptischen Papyrus das wahrscheinlich älteste Ölkäferpflaster beschrieben, welches wehenerzeugend wirken sollte. In Honig zubereitet, gehörten Ölkäfer zu den bekanntesten „Liebestränken“ zur Steigerung der sexuellen Potenz. Oft mit fatalen gesundheitlichen Folgen: Bereits ein einziger Käfer enthält eine tödliche Dosis Cantharidin („Spanische Fliege“) für einen Erwachsenen! Diese hohe Toxizität wurde im antiken Griechenland für Hinrichtungen eingesetzt, Morde mit dem Käfergift sind bis in die Neuzeit bekannt.

Besondere Art

Heute leben mehr als 30 Arten aus der Familie der Ölkäfer in Mitteleuropa. Am häufigsten ist dabei der auch als Maiwurm bekannte Schwarzblaue Ölkäfer, der für Österreich, Deutschland und die Schweiz zum Insekt des Jahres 2020 gewählt wurde. Der Schwarzblaue Ölkäfer ist auch aus ökologischer Sicht eine ganze besondere Art. Die Larven klettern auf Blüten und warten dort auf bestimmte Wildbienen, um von ihnen in deren Nester transportiert zu werden. Dort ernähren sich die Larven von den Bieneneiern und vom Pollenvorrat. Nach der Überwinterung im Boden schlüpfen die Käfer im März bis Mai. Die Art lebt an sandigen und offenen Stellen mit zahlreichen Bienennestern. Sie kommt an extensiv landwirtschaftlich genutzten Standorten Heiden, Trockenrasen und Streuobstwiesen vor.

Rote Liste

Trotz seiner enormen Vermehrungskraft – ein einzelnes Weibchen kann fünf- bis sechsmal im Abstand von ein bis zwei Wochen je 3.000 bis 9.500 Eier legen – wird der Schwarzblaue Ölkäfer in Deutschland in der Roten Liste als gefährdet eingestuft. Ursache der Bestandabnahme ist an erster Stelle der Lebensraumverlust, aber auch der Straßenverkehr. Die große Überproduktion von Eiern – mehrere Tausend – bei den Ölkäfern ist notwendig, da die hoch spezialisierte Lebensweise es nur wenigen Larven dieser Insekten überhaupt ermöglicht, sich zum erwachsenen Käfer zu entwickeln. Experten schätzen, dass nur aus jeder tausendsten Larve ein Ölkäfer wird. Die Eier werden in kleinen Häufchen in der Erde vergraben und verbleiben zunächst fast ein Jahr im Boden. Erst im folgenden Jahr schlüpfen die Larven und erklimmen einen Blütenstängel.

Dort warten die Larven in der Blüte und heften sich schließlich mit Hilfe besonderer Haft-Klauen und ihren Kiefern, den Mandibeln im Haarkleid oder an Borsten Blüten besuchender Insekten an. Die Larven beider Ölkäferarten entwickeln sich in den Nestern solitär lebender, bodennistender Wildbienen. Gesicherte Wirte sind dabei Vertreter der Seiden- und Erdbienen. Aber auch an vielen anderen Blütenbesuchern wie Grabwespen, Schwebfliegen oder anderen Käferarten klammern sich die Larven an, müssen dann aber letztlich sterben, weil sie kein Bienennest gefunden haben.

Kurzes Käferleben

Wenn die Ölkäfer-Larve aber wirklich einmal eine Einsiedler-Biene erwischt hat, wird sie von ihr in deren Nest eingetragen, wo sie sich zuerst über das Ei der Biene und anschließend über die eingetragenen Vorräte ihres Wirtes hermacht. Die Entwicklungszeit vom Ei bis zum fertigen Insekt dauert bei beiden Arten zwei Jahre, die Lebensdauer der erwachsenen Tiere beträgt etwa einen Monat. Vor der Paarung der Geschlechtstiere kommt es zu einem bemerkenswerten Balzverhalten.

Maiwürmer leben in ganz Europa und Zentralasien. Der Schwarzblaue Ölkäfer kommt in vielen verschiedenen Lebensräumen vor, von Deichen an der Küste – dort teils in großen Populationen –, über trockene Wiesen, Heiden und Waldränder bis hin zu Gärten vor.

Datum: 9. April 2020 Text: Manfred Wolf Bild: Wikimedia Commons/Stemonitis