Kritik an „bewusster Ansteckung“ von Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel

CDU-Fraktion wirft Bezirksbürgermeister verantwortungsloses Handeln vor.

Noch in dieser Woche will Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) nach seiner Corona-Erkrankung wieder seinen Dienst im Rathaus Tiergarten antreten. Dort dürfte ihn einiger Ärger erwarten. Die CDU-Fraktion im Bezirksparlament zeigte sich zumindest wenig erfreut über aktuelle Aussagen des Bezirksbürgermeisters. Dieser hatte in einem rbb-Interview gesagt, er habe sich absichtlich mit dem Corona-Virus infiziert. Außerdem sei seiner Ansicht nach das Langfristziel in der Corona-Krise, dass sich so viele Menschen immunisieren, dass die Krankheit einen nichts mehr anhaben kann. Er wolle sich zudem dafür einsetzen, konfliktbelasteten Familien einen geordneten Zugang zu Tierpark und Berliner Zoo zu ermöglichen.

Vorbild sehe anders aus

Mitte habe aktuell die höchste Zahl an Corona-Fällen in Berlin und stehe somit vor einer großen Herausforderung. Aus Sicht der CDU-Fraktion sei es deshalb „absolut verantwortungslos, wenn sich der höchste Beamte des Bezirks selbst ansteckt und somit für Wochen ausfällt“, heißt es in einem Statement der Fraktion. Deren Vorsitzende, Sebastian Pieper, erklärt dazu: „Ein Bezirksbürgermeister muss gerade in der Krise zu 100 Prozent Vorbild für die Menschen im Bezirk sein. Wir verlangen von den Bürgern Verzicht und Einschränkungen und verweisen auf die Gefährlichkeit des Virus“. Mit einer bewussten Infizierung verharmlose von Dassel den Virus und seine Gefahr. „Ein Vorbild sieht anders aus.“ Von Dassel selbst verteidigte seine Aussagen in einer Pressemitteilung. „Nachdem meine Lebenspartnerin positiv auf das Covid 19-Virus getestet worden war, musste ich mich aufgrund des Kontaktes zu ihr ebenfalls in eine 14-tägige häusliche Quarantäne begeben. Da wir beide nicht über einen Zweitwohnsitz verfügen (…), war die gemeinsame Quarantäne alternativlos“, erklärt der Grünen-Politiker. Da seine Freundin zu einer erweiterten Risikogruppe gehöre, habe er es für verantwortungslos gehalten, sie allein zu lassen. Er habe es deshalb „bewusst in Kauf genommen“, sich schnell bei ihr anzustecken. Die Wucht und Dauer der Erkrankung habe ihn dann allerdings überrascht.

Infektion nicht billigend in Kauf nehmen

Wissenschaftler und Mediziner raten dringend davon ab, eine Corona-Infektion billigend in Kauf zu nehmen. Die Gefahr eines schweren oder sogar tödlichen Verlaufs sei zwar grundsätzlich nur für Personen im Rentenalter oder mit Vorerkrankung groß. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass die Virus-Erkrankung auch bei jüngeren und eigentlich gesunden Menschen einen schwereren Verlauf nimmt.

Datum: 2. April 2020, Text: Katja Reichgardt, Bild: imago images/tagesspiegel