Berlin-Weißensee: Von Prachtgräbern zum Badestrand

jüdischer Friedhof

Vom eindrucksvollen Jüdischen Friedhof über den Weißen See bis zum Mirbachplatz.

Start und Zielpunkt unseres Streifzuges ist der Antonplatz in Weißensee. Der ist vom Alexanderplatz aus mit der Tramlinie M4 in nur 15 Minuten zu erreichen. Durch ein stilles Gründerzeitviertel – aufgrund seiner Straßennamen auch Komponistenviertel genannt – gelangt man zu Europas größtem jüdischen Friedhof. Der damalige Zeitgeist manifestiert sich in Form des in der Art der Neorenaissance errichteten Verwaltungsgebäudes. Ein schönes Beispiel für das Selbstbewusstsein und die Teilhabe jüdischen Lebens am Berliner Alltag Ende des 19. Jahrhunderts. 1880 hatte die jüdische Reformgemeinde Berlins in dieser Gegend vor den Toren der Stadt den Friedhof eingeweiht.

Kostenlose Übersicht

Heute liegt er fast im Zentrum und beherbergt 115.000 Gräber. Und weil jüdische Grabstellen „unverletzlich“ sind, gibt es im hinteren Teil verwilderte Grabfelder mit verwitterten Grabsteinen. Andererseits sind auch immer wieder wahre Prachtgräber zu finden, die von renommierten Architekten wie Walter Gropius gestaltet wurden. Ratsam ist, sich am Eingang des Friedhofs einen kostenlosen Übersichtsplan zu besorgen oder für zehn Euro den detaillierten Friedhofsführer zu erwerben, der künstlerisch bedeutende und Grabstätten bekannter Persönlichkeiten empfiehlt.

Auf geht’s zum Weißen See. Vom jüdischen Friedhof gelangt man via Meyerbeerstraße, Solonplatz (hier könnte man im Café Friedas Glück eine kleine Pause einlegen) und Lindenallee zur viel befahrenen Berliner Allee. Die überquert man am besten am mit Ampeln regulierten Fußgängerüberweg an der nahen Straßenbahnhaltestelle Indira-Gandhi-Straße. Von dort aus geht’s direkt in den den Weißen See umspannenden Park. Inzwischen auch im Winter geöffnet hat das Strandbad. Allerdings tummeln sich hier um diese Jahreszeit an zwei Feuerschalen eher Menschen, die gern einen Glühwein oder heiße Schokolade trinken.

Weltliche Schule

Der Weg ist das Ziel zur dritten und letzten Etappe unseres Streifzuges. Hinter dem Restaurant Milchhäuschen verlassen wir den Park am Weißensee. An der Ecke Amalien-/ Parkstraße lassen wir rechterhand das Restaurant Parkstern „links liegen“ (es hat sonntags ab 12, sonst außer Dienstag immer ab 18 Uhr geöffnet und ist sehr zu empfehlen!) und schauen auf die zurzeit in der Sanierung befindlichen Grundschule am Weißen See. Der unter Denkmalschutz stehende Gebäudekomplex wurde 1929 bis 1931 nach einem Entwurf von R. Mettmann im Stile der Neuen Sachlichkeit errichtet und war die erste weltliche Schule in Weißensee.

Sie verfügt über eine Aula mit Rang und Bühne, zwei Turnhallen mit Gymnastikterasse auf dem Dach, einen Zeichensaal, Werkräume, eine Schulbibliothek, eine Duschanlage und einen Fahrradkeller. Im Rahmen der Komplettinstandsetzung soll die Schule zugleich von einer 2,5-zügigen zu einer vierzügigen Grundschule ausgebaut und auf einen barrierefreien, ökologischen und energieeffizienten Standard gebracht werden.

Würdiges Zentrum

In der Woelckpromenade, vorbei am Werner-Klemke-Park mit Goldfischteich, kommen wir am historisierenden Holländercareé aus den 1920er-Jahren vorbei. Hier lohnt sich ein kleiner Abstecher in den schmucken Innenhof. Daran an schließt sich das sogenannte Munizinpal-Viertel, das zwischen 1908 und 1919 errichtet wurde. Carl James Bühring wollte der Gemeinde Weißensee ein einer Stadt würdiges kommunales Zentrum geben. Der Entwurf wurde auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1908 lobend erwähnt.

Allerdings wurden nicht alle Bauten errichtet. Das Zentrum erhielt rund um den Kreuzpfuhl eine Stadthalle (das Casino der Stadthalle ist das heutige Frei-Zeit-Haus), die im Krieg zerstört wurde, die Beamtenwohnhäuser Pistoriusstraße 24-24 b, ein Gymnasium (heute Teil des Primo-Levi-Gymnasiums), die Wohnbauten Woelckpromenade 2 bis 8, das Ledigenwohnheim (Woelckpromenade 1/ Pistoriusstraße 17), die Gemeindepumpstation und das Verwaltungsgebäude des Pumpwerkes mit Gemeindebibliothek (Pistoriusstraße 127).

Schließlich sei noch ein Kaffee im „Neue Liebe“ im Schatten der eindrucksvollen Ruine der Bethanienkirche auf dem Mirbachplatz empfohlen. Danach geht’s auf der Max-Steinke-Straße geradewegs zum Antonplatz zurück.

Datum: 13. Februar 2020 Text: M.Wolf/Katja Virkus Bild:imago images/Jürgen Ritter