Berlin-Karlshorst: Vom Villenviertel zur Russenkolonie

Eingang unter alten Eichen

Warum das „Dahlem des Ostens“ nach dem Krieg in Hand der Sowjetarmee war

Die Villen- und Landhauskolonie Karlshorst, 1895 vor den Toren Berlins gegründet, lockte mit der ein Jahr zuvor eröffneten Trabrennbahn ein elegantes Publikum an und bekam bald den Beinamen „Dahlem des Ostens“. Warum die Kolonie ein halbes Jahrhundert später zum sowjetischen Sperrgebiet wurde, wollen wir während unseres Spaziergang erfahren, der am S-Bahnhof Karlshorst beginnt.

Historisches Quartier

Wir nehmen den nördlichen Ausgang und folgen dem blauen Schild an der Treskowallee zum Deutsch-Russischen Museum – mit einem Abstecher nach rechts hin zum Haus Ehrenfelsstraße 8. Hier lebte von 1930 bis 1938 der Grafiker, Maler und Fotograf Hans Bellmer (1902 bis 1975). Bekanntheit erlangte er durch seine Fotografien von Puppen, die er in diesem Haus konstruierte und in surreal-erotischen Situationen inszenierte.

Über die Drachenfelsstraße gelangen wir in die Rheinsteinstraße, der wir nach rechts bis zur Zwieseler Straße folgen. Vor uns steht das Deutsch-Russische Museum. Das Gebäude entstand 1936 bis 1938 als Offizierskasino der Pionierschule 1 der Wehrmacht. Ende April 1945 schlug im Kampf um Berlin die sowjetische Stoßarmee darin ihr Hauptquartier auf. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm von Keitel hier die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Das Ende des Zweiten Weltkrieges war damit besiegelt.

Die Sowjetarmee requirierte 1945 nicht nur das Gebäude, in dem heute eine Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg mit zahlreichen Originalstücken zu sehen ist. Die Sowjetarmee besetzte bei ihrem Einmarsch in Karlshorst auch die Wohnhäuser von etwa 8.000 Menschen. Bis 1963 war halb Karlshorst Sperrgebiet. Im ehemaligen St.-Antonius-Hospital an der Köpenicker Allee/Neuwieder Straße bezog die Deutschlandzentrale des KGB Quartier – mit 1.000 Mitarbeitern die größte ausländische Dependance des sowjetischen Geheimdienstes.

Großes Institut

Zurück zur Treskowallee. Für einen Abstecher zur Königin des Kitsches biegen wir in die Dönhoffstraße ab. Im Haus Nummer 11 lebte von 1905 bis 1914 die Bestseller-Autorin Hedwig Courths-Mahler (1867 bis 1950). In der Karlshorster Traumfabrik schrieb sie 21 ihrer insgesamt mehr als 200 Romane. Die „Portland-Zement“-Industrie schuf Ende des 19. Jahrhunderts in der Dönhoffstraße 38 eines der größten Forschungsinstitute der deutschen Bauwirtschaft. Daran erinnert das 1901 eröffnete Portland-Zement-Haus, in dem heute unter anderem französische Weine ausgeschenkt werden.

Wir kehren zur Treskowallee zurück und unterqueren die S-Bahn. Links liegt, inmitten 100 Jahre alter Eichen, der Eingang zur Trabrennbahn Karlshorst. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Renntage hier noch ein gesellschaftliches Großereignis. Heute ist es sehr viel stiller geworden. Aber Rennen finden noch statt und spannend sind sie auch: nervöse Sulkyfahrer, Pferde, die rasant auf die Zielgerade zulaufen, Glücksritter, die ihre Wettscheine prüfen.

Schönes Beispiel

Rechts der Treskowallee liegt das Prinzenviertel, das sich bis zum Blockdammweg erstreckt. 1895 wurden hier in der Lehndorffstraße die ersten Landhäuser erbaut (Nr. 3, 7, 8 und 10). Sie sind die ältesten erhaltenen Wohngebäude in Karlshorst. Später erfolgte, zum Beispiel in der Stühlinger Straße, die Villenbebauung nach Plänen des Baumeisters Oskar Grigorovius (1845 bis 1913), die das Viertel zum vornehmsten Pflaster der Kolonie machte.

Die Straßennamen, einst nach Prinzen benannt, wichen 1951 Seebezeichnungen, weshalb das Prinzenviertel heute eigentlich ein Seenviertel ist. Für bauhistorisch Interessierte lohnt sich noch ein Schlenker in Richtung Südwesten: Die Waldsiedlung von Peter Behrens, 1920 rund um den Hegemeisterweg entstanden, ist ein denkmalgeschütztes Beispiel für kostengünstiges Bauen mit Qualitätsanspruch.

Datum: 6. Februar 2020 Text: Elisabeth Schwiontek Bild: imago images/Schöning