Gomringer-Gedicht an Hochschul-Fassade wird übermalt

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Die Zeilen werden durch ein Gedicht von Barbara Köhler ersetzt.

Das heftig diskutierte Gedicht von Eugen Gomringer, das seit 2011 an der Fassade der Alice Salomon Hochschule zu sehen war, soll verschwinden, aber nicht vollständig.

Die Zeilen des Gedichtes „avenidas“ sollen auf einer rund ein Quadratmeter großen Edelstahl-Tafel am Sockel der Südfassade angebracht werden, teilt die Hochschule mit. Auf der Fassade selbst wird ein Gedicht von Barbara Köhler zu lesen sein, das die gesamte Debatte um das dort zuvor präsentierte Gedicht noch einmal aufgreift.

Bundesweite Debatte über Gomringer-Gedicht

Im Januar 2018 hatte die Hochschule auf Forderung studentischer Ausschüsse beschlossen, Gomringers Gedicht zu übermalen, da es angeblich sexistische Inhalte aufweise. Diese Vorgänge hatten zu einer bundesweiten Debatte um Kunstfreiheit, Sexismus und Zensur geführt. Die auf Spanisch gedichteten Zeilen befassten sich mit den Gedanken eines Beobachters auf der katalanischen Flaniermeile „Las Ramblas“ im Barcelona der 50er-Jahre. „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“, heißt der ins Deutsche übersetzte Vers, der nach Meinung der Studentenvertreter „Frauen zu Projekten männlicher Begierde“ herabwürdigt.

Beschluss umgesetzt

Ab Mitte September startet die Alice Salomon Hochschule nun die Komplettsanierung ihrer Südfassade. „Mit der Neugestaltung der Fassade setzen wir nun den Beschluss des Akademischen Senats weiter um. Demnach stellt die Hochschule den Alice-Salomon-Poetik-Preisträgern die Südfassade alle fünf Jahre für die Darstellung ihrer Kunst zur Verfügung. Barbara Köhlers Gedicht wird sicherlich neue, spannende Impulse für die weitere Debatte geben“, sagt Uwe Bettig, Rektor der Alice Salomon Hochschule Berlin, zum Konzept der Neugestaltung der Südfassade.

Mit Vorgeschichte

Das neue Gedicht nimmt die Debatte um die Neugestaltung der Fassade inhaltlich auf. Barbara Köhler hatte im Juli der Hochschulöffentlichkeit ihre bisherigen künstlerischen Arbeiten im öffentlichen Raum anschaulich gemacht und anschließend ihre Vorschläge für die Südfassade vorgestellt. Gespräch und Resonanz der Veranstaltung bezog sie in die Weiterbearbeitung der Fassadengestaltung ein.

Die Entscheidung für die Gestaltung oblag jedoch allein der Künstlerin. Sie schreibt dazu: „Ein Gedicht mit Vorgeschichte: ein Gedicht an einem Ort, an dem davor ein anderes Gedicht stand, um das eine Geschichte entstand, die sehr verschieden erzählt wurde – als öffentliche Debatte. Was eigentlich passt, weil auch der Ort ein öffentlicher ist. Das neue Gedicht ist ein Teil dieser Geschichte, es macht nicht Schluss damit, nur eine weitere Schicht: aus dem Gedicht davor ist ein Gedicht dahinter geworden.“ Durch die Schrift lasse sich in die Zeit sehen: das Aktuelle erinnere das Vorherige, nehme es auf und lösche es nicht aus und wende sich an die Öffentlichkeit und die vielen Menschen, die den Ort täglich passieren, so die Künstlerin.

6.9.2018, Text: Redaktion/Bartylla, Bild: Stefan Bartylla (links)/Alice Salomon Hochschule (rechts, Visualisierung)

So lautet der Text des Gomringer-Gedichts, ins Deutsche übersetzt:
Alleen
Alleen und Blumen


Blumen
Blumen und Frauen


Alleen
Alleen und Frauen


Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Dies ist der Text des neuen Gedichts von Barbara Köhler:

SIE BEWUNDERN SIE
BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN:


SIE WIRD ODER WERDEN GROSS
ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO


STEHEN SIE VOR IHNEN
IN IHRER SPRACHE


WÜNSCHEN SIE IHNEN
BON DIA GOOD LUCK