Tuechtig im Wedding: Wo Anderssein normal ist

Im Tuechtig arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung barrierefrei zusammen.

Coworking Spaces gibt es viele in Berlin. Je innovativer diese Gemeinschafts-Büros sind, desto attraktiver wirken sie auf die Arbeitenden. Viele werben damit, dass jeder willkommen sei. Dass eine Mehrzahl der Berliner Coworking Spaces aber weder über einen Fahrstuhl erreichbar noch barrierefrei eingerichtet ist, merkt man erst, wenn man das Tuechtig in den Osram-Höfen betritt. Das Coworking-Büro in der Oudenarder Straße heißt tatsächlich jeden willkommen: Menschen mit und ohne Behinderung können hier arbeiten, konferieren und voneinander lernen.

Die Idee dazu schwirrte schon lange in Stefanie Trzecinskis Kopf herum, im vergangenen Jahr öffnete das inklusive Gemeinschaftsbüro dann seine Türen für alle Interessierten. „Wir haben gemerkt, dass es für viele Menschen mit Behinderung keinen Ort gibt, an dem sie barrierefrei arbeiten können. Dabei ist Inklusion gerade ein großes Thema“, so die Gründerin. Im Tuechtig wird darum kein großes Aufheben gemacht. Inklusion wird hier gelebt, Anderssein ist normal.

Für alle

Das merkt man auch, wenn man das Mobiliar des 700 Quadratmeter großen Büros genauer betrachtet. Auf den ersten Blick wirken die bunt bemalten Türen einfach nur farbenfroh und die stufenweise abgesenkten Konferenztische könnten auch aus einem Designmöbel-Shop stammen. Doch im Tuechtig ist kein Möbelstück zufällig ausgewählt. So weisen die kräftigen Türenfarben Sehbehinderten den Weg. Gelb steht beispielsweise für Besprechungsraum, hinter der grauen Tür finden sich die Toiletten. Die Tische bieten durch die unterschiedlichen Abstufungen auch Platz für Rollstuhlfahrer und Kleinwüchsige. Dadurch soll ein Arbeiten auf Augenhöhe ermöglicht werden. Die Hocker lassen sich je nach Größe aufeinanderstapeln und Schaumgummi-Sessel bieten Spastikern und Menschen mit Glasknochen Sicherheit. „Bei uns arbeiten die Menschen wirklich zusammen. Es ist unglaublich, wie viel hier gelacht wird“, sagt auch Carolin Zacharias, die als Coach das Tuechtig-Team unterstützt. Coworking im wahrsten Sinne des Wortes wird im Tuechtig im Wedding gelebt.

Besondere Atmosphäre

Diese besondere Atmosphäre lockt auch immer Menschen ohne Behinderung an. „Hier wird jeder als Freund begrüßt und es entwickelt sich eine unglaubliche Energie und Dynamik aus der gemeinsamen Arbeit.“ Mittlerweile besteht das Team aus fünf Festangestellten. Die Bürotische und Konferenzräume sind teilweise Wochen im Voraus ausgebucht. Trotzdem ruht sich das Tuechtig nicht auf dem bisher Erreichten aus. Das Büro und das Projekt werden immer weiter entwickelt. Dabei werden auch neue Designs und Möbel getestet. Wichtig ist dabei vor allem, dass Barrieren abgebaut und Menschen zusammengeführt werden. Das Tuechtig kooperiert mittlerweile mit zahlreichen anderen Unternehmen und Vereinen.

Viele Veranstaltungen

Neben den Konferenzen gibt es im gesamten Jahr auch Platz für Veranstaltungen und Workshops, etwa zum Thema Gebärdensprache oder Ausstellungen jeder Art. Ein Tagesticket für einen der Arbeitsplätze im inklusiven Gemeinschaftsbüro kostet 15 Euro, ein Monatsticket 200 Euro. Die Meeting-räume können ab 15 Euro pro Stunde gemietet werden. Die Anmietung des großen Eventraumes erfolgt nach Absprache mit dem Tuechtig-Team. Da sich viele Menschen einen Arbeitsplatz nicht leisten können, möchte das Tuechtig künftig auch Stipendien anbieten. Wer das Projekt kennenlernen oder unterstützen möchte, hat dazu online oder bei Veranstaltungen Gelegenheit.

Text und Bilder: Katja Reichgardt