So kommen sich die Generationen in Steglitz näher

Erste Bilanz für Modellprojekt „Jung fragt Alt im Kiez“ / Fortsetzung wird vorbereitet

Junge Menschen haben Fragen. Alte haben viel zu erzählen. Warum bringt man sie nicht einfach zusammen? Dieser Gedanke steht hinter dem Projekt „Jung fragt Alt im Kiez. Leben im 20. Jahrhundert“. Ein Jahr lang wurde es mit rund 50 Kindern und 30 Hochbetagten in jeweils einer Betreuungseinrichtung in der Feuerbachstraße in Steglitz und im Bölsche-Kiez in Friedrichshagen erprobt, um ein Modell für ein generationübergreifendes nachbarschaftliches Miteinander zu erarbeiten. Mit einer Abschlussveranstaltung geht es an diesem Wochenende zu Ende. Die Schirmherrschaft dafür hat Steglitz-Zehlendorfs Jugendstadträtin Carolina Böhm (SPD).

Zwischen Mai 2015 und diesem Frühjahr befragten neun- bis 13-jährige Kinder in zwei einjährigen Durchgängen Menschen ab 80 aus der Nachbarschaft zu ihren Lebenserinnerungen. So hätten sie sich selbstständig Zeitgeschichte erschlossen, heißt es von der Projektwerkstatt im Kinderring Berlin e.V. Am Ende werteten sie aus, was sie erfahren haben und präsentieren es der Öffentlichkeit. Den organisatorischen Rahmen bildete ein Dreieck aus Kindereinrichtung, Senioreneinrichtung und einem Kiezteam, in dem Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Studierende zusammenarbeiten und gewährleisten, dass Kinder und alte Menschen im Prozess angemessen begleitet wurden, wird mitgeteilt.

Geschichtliches Verständnis

„Kinder im Alter zwischen Kind und Jugendlichem haben großes Interesse, ihre Umwelt selbstständig zu erforschen, entwickeln ein Gefühl, dass die Welt nicht immer war, wie sie ist, also ein geschichtliches Verständnis“, sagt Miriam Karnetzki von der Projektwerkstatt. „In Seniorenpflegeheimen leben Menschen mit einem reichen Erfahrungsschatz, Zeit und dem Bedürfnis, zu erzählen und weiterzugeben. Leider sind diese Welten in der Nachbarschaft oft Parallelwelten. In unserem Projekt geht es darum, diese beiden Welten zusammenzubringen, die so voneinander profitieren können. Das ist bislang ein brachliegendes gesellschaftliches Potenzial.“

Für beide Seiten hätten sich nachhaltige Lerneffekte ergeben, so Karnetzki: „Die Jüngeren haben mitbekommen, dass man sich Geschichte bei denen erfragen kann, die sie erlebt haben, dass alte Menschen ein großes Herz für Kinder haben und ihnen gerne aus ihrem Leben erzählen, dass man sich mit hochbetagten Menschen aus der Nachbarschaft befreunden kann.“

Weitere Nachbarschaften

Die Älteren hätten gelernt, wie sehr sie und ihre Erfahrungen gefragt und geschätzt werden. Wie interessiert die Kinder an dem Leben der Alten früher und jetzt sind. Und auch, wie konzentriert Kinder sein können. Sofern die Finanzierung gesichert ist, soll das einjährige Modell ab September weitergetragen und weitere Durchgänge in interessierten Nachbarschaften angeschoben und begleitet werden, so Karnetzki. Bis dato lief die Zusammenarbeit mit Schülern der vierten und fünften Klasse in Grundschulen, Ganztagsbetreuungen und Freizeiteinrichtungen auf der einen, und mit Seniorenpflegeheimen auf der anderen Seite. „Alles muss fußläufig erreichbar sein, damit die Generationen- und Institutionenbrücke entstehen kann“, so Karnetzki.

Text: Nils Michaelis, Bild: Bild: Thinkstock/iStock/kanzefar